Reoviren – lösen Zöliakie aus!

 Ein Forscherteam hat vor wenigen Jahren versucht herauszufinden, weshalb es in den letzten Jahrzehnten einen Anstieg der an Zöliakie erkrankten im Erwachsenenalter gegeben hat. Noch bis vor wenigen Jahren galt Zöliakie als angeborene überschießende Immunreaktion auf Gluten. Nun aber verdichten sich die Hinweise darauf, das die Erkrankung durch Reoviren hervorgerufen werden kann. In verschiedenen Szenarien kann der Virus die orale Toleranz auf Gluten aushebeln. Ergebnis: Reoviren lösen Zöliakie aus! Was aber folgt daraus: Vielleicht ist dies der Auftakt für eine mögliche Impfung gegen Zöliakie!

Originalstudie: Romain Bouziat, Reinhard Hinterleitner, Judy J. Brown, Jennifer E. Stencel-Baerenwald, Mine Ikizler et al.: Reovirusinfection triggers inflammatory responses to dietary antigens and development of celiac disease. Science 07.04.2017: Vol. 356, Issue 6333, pp.44-50. DOI: 10.1126/science.aah5298

Reoviren können Zöliakie auslösen
Inhalt

Was sind Reoviren?

Reoviren bilden eine relativ große Gruppe von RNA-Viren, also Viren ohne Aussenhülle. Zu dieser Gruppe gehören unter anderem Erreger wie das Blauzungenvirus, die humanen Rotaviren oder das Colorado-Zeckenfieber-Virus. Benannt sind sie in Form eines Akronyms: >respiratory, enteric, orphan< Damals war man der Meinung, das diese Viren nur Erkrankungen der Atemwege und des Verdauungstraktes verursachen können, oder aber gar keine Erkranung hervorrufen würden.
Tatsächlich fand man aber später Viren aus dieser Gruppe auch bei Säugetieren, Reptilien, Fischen, Krustentieren und Insekten. Einige ihrer Vertreter befallen auch Pflanzen. Die der Gruppe zugehörigen Rotaviren sind oft für die berüchtigte Magen-Darm-Grippe verantwortlich.

Rotavirus Aufnahme mit elektronenmicrokop
Rotavirus, zur Gruppe der Reoviren gehörend, löst Magen-Darmgrippe aus.

Die Fakten zu Reoviren und Zöliakie

Reoviren verhindern laut o.g. Studie bei Kleinkindern im ersten Lebensjahr die Entwicklung einer Immuntoleranz gegen Gluten-Eiweiße.
Glutene sind jene Klebereiweiße, die die Backfähigkeit von Getreidemehlen bestimmen. Sie sind vom Darm nur schwer verdaulich. Deshalb sind sie für unser Immunsystem ein Problem. Um nun allergische oder autoimmune Reaktionen auf das Klebereiweiß zu vermeiden, entwickelt unser Darm schon im frühen Lebensalter eine sogenannte Immuntoleranz. Dies ist ein natürlicher Schutzmechanismus.

Bei von Zöliakie Betroffenen aber, ist dieser Schutzmechanismus gestört. Viele erkranken bereits im Kindesalter aber besonders in den letzten Jahren häufen sich festgestellte Zöliakieerkrankungen die erstmals im Erwachsenenalter auftraten.

genetische Komponente + Umweltfaktor

Zöliakie tritt überwiegend bei Menschen mit genetischer Prädisposition auf (HLA DQ2 oder DQ8) aber es muss auch eine Umweltkomponente geben. Bei Kindern im finnischen Teil Kareliens trat die Erkrankung mehr als 10 Mal häufiger auf als bei Kindern im russischen Karelien in unmittelbarer Nachbarschaft.

Virusinfektionen als Auslöser einer Zöliakie?

Es wurden eine Reihe von Virusinfektionen in der Vergangenheit als Auslöser für die Entstehung einer Zöliakie diskutiert, einen Mechanismus konnte man jedoch nicht erkennen.

Reoviren + Gliadin = Zöliakie?

Wissenschaftler der Universität von Chicago experimentieren mit Reoviren. Eine Infektion des Darmes von Mäusen mit Reoviren blieb ohne Folgen, solange die Tiere nicht zur gleichen Zeit mit Gliadin, einem der Gluteneiweiße, gefüttert wurden. Fütterte man die Mäuse mit gliadinhaltiger Nahrung, so kam es zu einem deutlichen Anstieg der Anti-Gliadin-Antikörper. Diese Antikörper sind auch für die Zöliakie beim Menschen kennzeichnend.

Mangel an regulatorischen T-Zellen

Die Forscher konnten eine verminderte Bildung von regulatorischen T-Zellen feststellen. Diese Zellen der Immunabwehr sind für die Immuntoleranz verantwortlich, die bei gesunden Menschen den Verzehr von Gluten möglich macht. Bei Betroffenen von Zöliakie aber fehlt diese Immuntoleranz.

Menschen in ganz verschiedenen Lebensaltern können erkranken

An Zöliakie Erkrankte haben, viel häufiger als Gesunde, Antikörper gegen Reoviren im Blut.
Gesetzt den Fall: Reoviren lösen Zöliakie aus! Damit können aber nun auch Menschen mit einer genetischen Prädisposition für Zöliakie erst in späteren Lebensaltern erkranken, wenn sie einer Infektion mit Reoviren ausgesetzt waren.

Sind es verschiedene Viren oder eine Kombination aus ihnen?

Neben der Möglichkeit, das Menschen ganz unterschiedlicher Lebensalter an Zöliakie erkranken können, wenn sie ein Infektion mit Reoviren durchgemacht haben, gibt es auch die Möglichkeit, das es eine Kombination von verschiedenen Reo- oder anderen Viren gibt, die die Zöliakie dann auslöst. Auch hier besteht noch Forschungsbedarf.

Kann man es tatsächlich vermeiden, an Zöliakie zu erkranken?

Zumindest kann man es definitiv nicht vermeiden, sich mit Reoviren zu infizieren, denn sie sind überall in unserer Umgebung anzutreffen. Eine Überlegung ginge nun aber dahin, einen Impfstoff gegen Reoviren zu entwickeln und zumindest Kleinkinder, die ein erhöhtes Risiko haben, an Zöliakie zu erkranken (genetische Prädisposition), damit zu impfen. Auch wenn Zöliakie sicher nicht in jedem Fall von Reoviren ausgelöst wird, so wäre es doch möglich, vielen Menschen eine spätere Erkrankung zu ersparen.

Was sollten Eltern von Kindern mit der genetischen Prädisposition zu Zöliakie heute tun?

Auf jeden Fall sollten diese Kinder gegen das Rotavirus, ein Virus aus der Familie der Reoviren, geimpft werden. Es gibt erste Hinweise aus einer Langzeitstudie, das es hier einen Zusammenhang gibt. Eine Impfung gegen Reoviren gibt es noch nicht, aber hoffentlich bald. 
Ab dem 6. Lebensmonat sollten Kinder maßvoll auch glutenhaltige Produkte zu essen bekommen. Kleinkinder sollten in dieser Zeit immer gut beobachtet werden, ob es Hinweise auf die Entwicklung einer Zöliakie gibt.

Welche Forschungen gibt es derzeit zum Thema Zöliakie?

An der University of Chicago gibt es nicht nur ein Zentrum für Zöliakiepatienten sondern auch die Professorin Bana Jabri. Ein Grossteil ihrer Forschungen dreht sich um das Thema Zöliakie. Sie und ihr Team versuchen zum Beispiel herauszufinden, welche Immunzellen genau für die Zerstörung der Zotten der Dünndarmschleimhaut verantwortlich sind. Weiter versucht man herauszufinden, warum bestimmte Immunzellen im Darm von Zöliakiebetroffenen phenotypisch anders sind, auch wenn diese Menschen sich bereits jahrelang glutenfrei ernähren. Als Folgestudie der hier besprochenen versucht das Forscherteam herauszufinden, welche Gene von Reoviren konkret für den Verlust der oralen Toleranz gegenüber Gluten verantwortlich sind. Außerdem suchen die Wissenschaftler nach anderen Viren, die eine Zöliakie auslösen könnten.

Fazit

Zöliakie bedeutet eine strikte und lebenslange Diät einzuhalten. Die Erkrankung kann ernste Folgeschäden verursachen, wenn keine Diät gehalten wird. Deshalb ist diese Studie ein erster Lichtblick in Sachen Behandlung der Zöliakie. Auch wenn die Ergebnisse aus Studien mit Mäusen stammen, so kann die Entwicklung einer Impfung doch vielen Menschen eben jene lebenslange Diät ersparen. Selbst wenn durch diese Impfung nur jenen geholfen werden könnte, bei denen die Zöliakie noch nicht ausgebrochen ist, wääre dies doch zu mindest ein erster Schritt in die richtige Richtung und ließe auf mehr aus der Forschung hoffen. 

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