Stiller Reflux und SIBO

Zusammenhang zwischen SIBO und Stillem Reflux

Einleitung:

Bei beiden Erkrankungen, Stiller Reflux und SIBO (Dünndarmfehlbesiedlung), gibt es eine große Übereinstimmung und Überlappung im Bereich der Symptome wie Völlegefühl, Übelkeit, Aufstoßen, Zungenbrennen und Schmerzen im Oberbauch.

Weiter gibt es bei beiden Erkrankungen eine Fehl- oder Dysfunktion des Vagusnervs oder des parasympathischen Nervensystems, die meist durch dauerhaften Stress ausgelöst wurde aber auch durch verschiedenste Traumatisierungen hervorgerufen werden kann.

Durch diese Störung kommt es auch zu einer verminderten Eigenbewegung das Darms, die dann auch das Risiko für eine bakterielle Überwucherung des Dünndarms erhöhen kann und die Reflux-Problematik verstärken.

Außerdem gibt es Studien, die aufzeigen, dass eine verringerte Magensäureproduktion egal ob durch Dauerstress oder PPI-Einnahme verursacht, ebenfalls zum Auftreten einer Dünndarmfehlbesiedlung und auch zur Entstehung Stillen Refluxes beitragen kann.

Auch ist inzwischen sicher, dass das Auftreten einer Dünndarmfehlbesiedlung unter Betroffenen von Stillem Reflux signifikant höher ist, als in der Normalbevölkerung.

Was also ist dran, an der Verknüpfung von Stillem Reflux und einer Dünndarmfehlbesiedlung?

Wer nicht oder nicht genau weiß, was eine Dünndarmfehlbesiedlung ist, findet in diesem Artikel alle benötigten Informationen.

https://magenkompass.de/duenndarmfehlbesiedlung-sibo/

Stress als Auslöser für stillen Reflux und SIBO?

Dauerstress ist ein häufiger Begleiter im Leben moderner Menschen.

Und Stress per se ist zunächst einmal nichts negatives oder gesundheitsgefährdendes.

Wird daraus aber ein Dauerzustand, aus dem wir uns kaum noch lösen können, verlernt unser Körper regelrecht sich in einen entspannten Zustand zu versetzen. Das schwächt den Parasympathikus und namentlich den Vagusnerv.

Der Körper wird durch das Leben in der Dauererregungsschleife auf den Adrenalin- und Cortisol-Rush konditioniert und wird auf gewisse Art süchtig nach Stress und seinen Botenstoffen.

Welche Folgen hat das?

Der Vagusnerv und das gesamte parasympathische Nervensystem können nicht mehr normal funktionieren.

Wir leben mit einem daueraktivierten Sympathikus. Das sympathische Nervensystem übernimmt in unserem Körper die Schlüsselrolle. Es triggert ständig die Fight-Flight-Freeze-Reaktion.

Wir sind im Überlebensmodus. Besonders problematisch wird es an dieser Stelle, wenn Flucht oder Kampf nicht möglich sind und wir uns Totstellen, also in den Freeze-Modus springen, weil wir komplett überfordert sind.

Anzeichen für eine solche Functional-Freeze-Reaktion ist oft, ein gewisses Neben-Sich-Stehen. Wir funktionieren nach außen ganz normal und wirken gut gelaunt, doch eigentlich sind wir schon mit kleinen Entscheidungen überfordert, ziehen uns deutlich zurück und leben im Autopilot-Modus. Dabei ist der Körper erstarrt und die Muskeln sind angespannt. Wir haben Angst und spüren unseren Herzschlag deutlich, doch wir sind nicht wirklich präsent. Das leben läuft wie in einem Film an uns vorbei.

Während steinzeitliche Jäger vielleicht ein paar Mal im Monat von solchem Stress betroffen waren und vor dem viel zitierten Säbelzahntiger fliehen oder mit ihm kämpfen mussten, wohnt eben dieser Tiger für viele von uns heute in der selben Höhle wie wir selbst, und wir begegnen ihm nun täglich.

Jeder Gedanke an eine ärgerliche Situation oder an etwas, das uns wütend gemacht oder hilflos zurückgelassen hat, kann erneut Stresshormone freisetzen.

Was passiert in diesem Fight-Flight-Freeze-Modus?

Das sympathische Nervensystem macht uns fit für Kampf oder Flucht und wenn das nicht möglich ist, schaltet es uns in die Erstarrung.

Das bedeutet, es fährt alle nicht überlebenswichtigen Funktionen unseres Körpers herunter. Dazu gehört auch unsere Verdauung.

Das heißt, es wird weniger Magensäure gebildet, weniger Gallensäure und Bauchspeichel ausgeschüttet.

Zu wenig Magensäure - Was hat das für Folgen?

Im Bereich Stiller Reflux ist die Rechnung einfach: weniger Magensäure = veränderter pH-Wert im Magen = unterer Speiseröhrenschließmuskel (Kardia) schließt nicht mehr regelrecht

>>> Stiller Reflux kann aufsteigen <<<

Im Dünndarm wird es komplizierter:

Zu wenig Magensäure lässt mehr Bakterien am Leben als ausreichend Magensäure.

Das Fehlen von Magensäure zieht auch eine zu geringe Ausschüttung von Gallenflüssigkeit und Bauchspeichel nach sich.

So kann die Verdauung von Nahrungsbrei nur eingeschränkt ablaufen und die Aufnahme von Mikronährstoffen und Vitaminen funktioniert ebenfalls nur eingeschränkt.

Es kommt zur grotesken Situation, dass wir vor eigentlich reichlich gefüllten Töpfen langsam "verhungern" im Sinne vom Eintreten von Mangelzuständen.

Diese beiden Szenarien geben die Auflassung für eine Dünndarmfehlbesiedlung oder SIBO.

Durch die suboptimalen Verdauungsabläufe kommt es zur Gasbildung im Dünndarm. Wir fühlen uns aufgedunsen und haben Blähungen.

Der aufgetriebene Oberbauchbereich schiebt unseren Magen nach oben und verschlimmert die Situation und sponsert so den Stillen Reflux.

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Magensäuremangel + PPI + erhöhter Kohlenhydratverzehr = SIBO?


Unter Stress verlangt unser Körper nach schnell aufzuschließenden Kohlenhydraten.

Die führen wir ihm dann auch meist zu.

Die sprichwörtliche ungesunde Ernährung unter Stress ist in uns allen programmiert, als Überlebensprogramm.

Das Verlangen unter Stress Süßes und Fettiges zu essen ist einst als schneller Energielieferant für unsere Muskeln zur Flucht-oder Kampfreaktion ein deutlicher Überlebensvorteil gewesen.

Gibt es aber zwischen den Stresszuständen keine Erholungspausen mehr, kehrt sich alles ins Gegenteil.

Nun entsteht Magensäuremangel.

Wir bekommen Reflux, weil der untere Speiseröhrenschließmuskel nicht mehr schließt und gehen zum Arzt.

Der möchte unsere Speiseröhre schützen und verschreibt uns PPI. Doch die wirken bestenfalls nicht oder machen alles nur noch schlimmer.

verändertes Essverhalten bei Stillem Reflux und SIBO

Wir hören von den in die Schleimhäute eingelagerten Pepsinen, die durch Saures aber eben auch durch Eiweiß aktiviert werden und dort Entzündungen machen.

Also lassen wir alles bei unserer Ernährung weg, was Beschwerden machen soll.

Saures, Fett und auch Eiweiß. Was bleibt übrig? Genau: Kohlenhydrate!

Doch eben dieser Kreislauf ist fatal. Denn wir füttern damit die fälschlicher Weise in unseren Dünndarm gelangten Bakterien, die sich dann auch noch kräftig vermehren und jede Menge Giftstoffe dort abgeben, die ihrem Verdauungsprozess entspringen und uns noch mehr Beschwerden machen können, als nur Oberbauchschmerzen oder Reflux.

Zu viele Kohlenhydrate überlasten die Bauchspeicheldrüse

Doch es kommt noch etwas anderes hinzu: Dauerhaft erhöhter Kohlenhydrataufnahme überlastet die insulinbildenden Zellen der Bauchspeicheldrüse und es kommt zu einer Schwäche der Bauchspeicheldrüse.

Kommen nun noch Faktoren wie zu wenig Bewegung, chronischer Stress, unzureichender Schlaf und wenig Tageslicht oder auch Rauchen hinzu entwickelt sich eine Insulinresistenz. Wir haben ständig einen erhöhten Insulinspiegel, unsere Zellen können weniger Glukose aus dem Blut aufnehmen. Um sich zu schützen, nimmt die Insulinempfindlichkeit unserer Zellen ab.

Das hat weitreichende Folgen. Unter anderem gibt es keinen Sättigungsreiz mehr. Wir könnten also immer essen.

In unserem Darm, nicht nur im Dünndarm, entstehen bakterielle Ungleichgewichte. Durch die anhaltenden Blähungen wird auch die Iliozökal-Klappe, die die Tür zwischen Dünn- und Dickdarm bildet geschwächt. Das gibt noch mehr Bakterien und Einzellern die Chance in den Dünndarm einzuwandern.

Darmbiom und Immunsystem

Eine veränderte Darmflora oder ein verändertes Darmbiom, wie es korrekt heißen muss, triggert auch ständig unser Immunsystem. Dies wird ständig herausgefordert und ist in Alarmbereitschaft. Schließlich ist es mit der Gesamtsituation überfordert und triggert nun auch die Entzündungen durch Pepsin und Säure in unseren Schleimhäuten durch den Stillen Reflux.

Neurotransmitter und Darmbiom

Die in unserem Darmbiom enthaltenen Bakterien sind in ihrer Zusammensetzung so abgestimmt, dass sie es ermöglichen, dass in unserem Darm ausreichende Mengen an Neurotransmittern wie beispielsweise Serotonin, Dopamin und GABA hergestellt werden können, die unter anderem für unseren Gemütszustand, unseren Schlafrhythmus und vieles mehr zuständig sind.

Kommt also das Gleichgewicht dieser Bakterien aus dem Lot, so bekommen wir Angststörungen, Depressionen und Zwangsstörungen.

Die führen dann wieder dazu, dass der Appetit auf Süßes und fettiges Steigt und so dreht sich alles im Kreis und die Bakterien in unserem Dünndarm, die da gar nicht sein sollten vermehren sich munter.

Wege auf denen eine SIBO (Dünndarmfehlbesiedlung) dazu beitragen kann, dass sich der untere Speiseröhrenschließmuskel entspannt

Zuerst einmal werden die Entspannungen des Sphinkters durch Gärung im Darm und seiner Ausdehnung durch die entstehenden Gase verstärkt. Patienten mit Stillem Reflux, die eine Mahlzeit mit hohem Gehalt an FOODMAP (also fermentierbaren Kohlenhydraten) zu sich nahmen, hatten deutlich stärkere Symptome als die Kontrollgruppe.

Umgekehrt hat sich gezeigt, dass eine FOODMAP-arme Ernährung, wie sie bei SIBO empfohlen wird, zur Verringerung der Refluxsymptome führt.

Kürzlich wurde eine veränderte Mikrobiota des Kehlkopf-Rachenraums als neues pathophysiologisches Paradigma für Symptome und Morphologie des Stillen Refluxes vorgeschlagen.

Es gibt zunehmend Hinweise darauf, dass gramnegative Bakterien im Mikrobiom der Speiseröhre von Patienten mit Refluxkrankheit häufiger vorkommen als in der Kontrollgruppe.

Allerdings wird die Rolle der Darmmikrobiota bei Erkrankungen der Speiseröhre und des Mund-Rachenraums oft übersehen, obwohl sie mit vielen entzündlichen Erkrankungen in Zusammenhang steht.

Was kann man tun?

Auch hier gilt es die Ursachen zu beseitigen. Doch das ist nur allzu oft leichter gesagt als getan. Doch wer nur an seinem Darmbiom arbeitet ohne das Refluxproblem anzugehen, der wird meist nur eine zeitweilige Besserung bekommen, denn da das Grundproblem weiter existent ist, gibt es keine nachhaltige Besserung der Beschwerden.

Es beginnt sich ein neues Rad zu drehen. Der Geldbeutel wird arg strapaziert, denn fälschlicher Weise gehen die Betroffenen davon aus, dass die Präparate zur Darmsanierung eben nicht die Richtigen waren und lassen sich von gewieften Verkäufern mit dem Anstrich von Solidität nun immer teurere Produkte, die angeblich besser sind, verkaufen.

Zum einen findet Verdauung nun mal von oben nach unten statt und zum anderen müssen all die Produkte zur Darmsanierung und zum Aufbau einer gesunden Darmflora ja auch den Magen passieren und zuvor die Speiseröhre. Bringen wir also unseren oberen Verdauungstrakt nicht in Ordnung, so kann er an den Darm nicht liefern, was wir ihm geben wollen.

Erst, wenn wir verstehen, dass sowohl der Stille Reflux als auch die Dünndarmfehlbesiedlung lediglich ein Symptom einer total aus dem Gleichgewicht geratenen Verdauung sind und die Sache ganzheitlich angehen, haben wir eine echte Chance, ein neues Gleichgewicht für unser Leben 

Quellen

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Ich arbeite als Medizinjournalistin und Autorin.  

Nach Abschluss eines naturwissenschaftlichen Studiums mit Diplom begann ich mich für Medizinjournalismus zu interessieren und machte ihn zu meinem Beruf.

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