Reflux durch zu häufiges Sitzen?

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Psoas, Quadratus und das vergessene Zwerchfell

Ist es möglich, dass Reflux – auch Stiller Reflux – durch zu häufiges Sitzen entsteht? Die Antwort lautet: ja. Und der Weg dorthin führt über drei Muskeln, die die meisten von uns noch nie bewusst wahrgenommen haben: das Zwerchfell, den Psoasmuskel und den Quadratus lumborum. Ihre enge anatomische Nachbarschaft ist der Schlüssel zu einem Zusammenhang, den Ärzte selten erwähnen – den Physiotherapeuten und Osteopathen aber längst kennen.

Dieser Artikel richtet sich an alle, die unter Reflux leiden – ob mit klassischem Sodbrennen oder ohne. Denn der Mechanismus, um den es hier geht, betrifft beide Formen. Bei Stillem Reflux (LPR) steigt Säure und Pepsin gasförmig bis in Kehlkopf und Rachen auf – ohne Sodbrennen, aber mit Kloßgefühl, Räusperzwang und Heiserkeit. Und das Zwerchfell spielt auch dort eine zentrale Rolle.

Wie ich zufällig meinen Reflux wegtrainiert habe

Als typische Schreibtischtäterin bekam ich Schmerzen in der linken Hüfte, die einfach nicht verschwanden. Der Orthopäde schickte mich zur Physiotherapie – Psoas und Quadratus lumborum seien verspannt, die Gesäßmuskulatur zu schwach. Ich ignorierte das Übungsprogramm zunächst, weil ich von diesen Muskeln noch nie gehört hatte. Natürlich wurde es schlimmer.

Also fing ich an: Dehnübungen, Triggerpunktmassagen, Kräftigung. Drei Monate später war ich nicht nur schmerzfrei – ich hatte auch meinen Reflux quasi wegtrainiert. Das verblüffte mich so, dass ich der Sache nachgegangen bin. Was ich herausfand, hat meine gesamte Sichtweise auf Reflux verändert.

Das Zwerchfell und seine Nachbarn – eine unterschätzte Anatomie

Das Zwerchfell ist eine Muskel- und Sehnenplatte, die Brust- und Bauchhöhle voneinander trennt. Die meisten denken dabei an einen Muskeldom zwischen Herz und Magen. Was weniger bekannt ist: Das Zwerchfell hat auch einen Lendenteil – die sogenannten Zwerchfellpfeiler. Das sind zwei Muskelstränge, die direkt an der Wirbelsäule festgewachsen sind und dem Zwerchfell helfen, den Körper beim Heben und Tragen zu stabilisieren.

Diese Zwerchfellpfeiler liegen in unmittelbarer Nachbarschaft zu zwei der wichtigsten Tiefenmuskeln unseres Körpers: dem Muskulus quadratus lumborum und dem Muskulus psoas major. Beide wachsen an der Wirbelsäule und – im Fall des Quadratus – auch an der untersten Rippe fest. Sie treten quasi durch den hinteren Bereich des Zwerchfells hindurch, direkt neben den Zwerchfellpfeilern.

Genau dort befindet sich auch die Hiatusschlinge – die Öffnung im Zwerchfell, durch die die Speiseröhre tritt. Diese Schlinge hilft dem unteren Speiseröhrenschließmuskel, sich zu verschließen und Mageninhalt unten zu halten. Wenn die Muskelspannungen in der Nachbarschaft aus dem Gleichgewicht geraten, leidet die Hiatusschlinge – und damit der gesamte Refluxschutz.

Die Hiatusschlinge ist der mechanische Schlüssel beim Zwerchfellbruch. Was viele nicht wissen: Ihre Spannung hängt direkt von den Nachbarmuskeln ab – Psoas und Quadratus. Geraten diese aus dem Gleichgewicht, verliert die Hiatusschlinge an Spannung – bei klassischem Reflux und bei Stillem Reflux gleichermaßen.


Es gibt viele Verflechtungen zwischen unseren Nerven und Reflux, besonders dem Vagusnerv. Die Hiatusschlinge, der Ort des Geschehens beim Zwerchfellbruch, liegt sehr nahe bei den Zwerchfellpfeilern.

Zwerchfell-Ansicht von unten, gemeinfreie Abbildung von Wikipedia, bearbeitet durch magenkompass.de
Zwerchfell von unten Reflux durch zu häufiges Sitzen

Der Quadratus lumborum – der unterschätzte Rückenmuskel

Der Muskulus quadratus lumborum ist einer der tiefen Bauchmuskeln – auch wenn er auf unserer Rückseite liegt. Er neigt den Rumpf zur Seite, senkt die zwölfte Rippe und stabilisiert die Lendenwirbelsäule. Als Hilfsmuskel für die Ausatmung bildet er den Gegenzug zum Zwerchfell. Das bedeutet: Wenn er verspannt ist, verändert sich die Zugkraft auf das Zwerchfell.

Beim stundenlangen Sitzen – besonders mit nach vorne geneigtem Oberkörper – verkrampft und verkürzt sich der Quadratus. Er zieht dann übermäßig an der zwölften Rippe, was die Zugkräfte am Zwerchfell verändert und die Hiatusschlinge unter Spannung setzt. Auch Seitenschläfer kennen das Problem: Im Schlaf verdreht sich der Rücken unbewusst – der Quadratus wird asymmetrisch belastet.

Selbsttest: Ist dein Quadratus verspannt?

Leg dich auf die Seite und verschränke die Hände hinter dem Kopf. Die Beine fixierst du unter einem Schrank oder jemand hält sie am Boden fest. Hebe jetzt den Oberkörper ohne die Hüfte zu bewegen seitlich vom Boden an:

1. Kompletter Oberkörper hebt sich → Kraft normal

2. Nur bis zur Mitte der Brustwirbelsäule → leichtes Kraftdefizit

3. Nur die Schulter hebt sich → deutliches Kraftdefizit


Wie entsteht nun Reflux durch zu häufiges Sitzen durch den Quadratus lumborum?

Und da ist er auch schon, der Zusammenhang : Wenn wir über viele Stunden sitzen und uns dabei oft nach vorn beugen, verkrampft und verspannt der Quadratus-Muskel. Dabei verkürzt er sich auch und übt so übermäßigen Zug auf das Zwerchfell aus, indem er Zug auf die 12. Rippe ausübt, der zu groß wird. Damit aber verändern sich die Zugkräfte am Zwerchfell.

Beim Schlafen auf der Seite können wir diesem Muskel auch kräftig zusetzen, denn auch hierbei wird der Rücken unbewusst verdreht. Deshalb schlafen viele schmerzgeplagte Zeitgenossen mit einem Kissen zwischen den Beinen.

Muskulus quadratus lumborum und psoas major und minor

Der Psoasmuskel - unser Seelenmuskel mit Einfluss auf den Reflux

Der Muskulus psoas major bildet zusammen mit dem Darmbeinmuskel unseren Hüftbeuger (Iliopsoas). Er ist verantwortlich für Beinbewegung, stabiles Gehen und Stehen. Manche nennen ihn den "Seelenmuskel" – denn bei Stress und Angst steigt der Tonus genau dort. Stresshormone lassen den Psoas reflexartig anspannen, was bei Dauerstress zu einer chronischen Verkürzung führt.

Die Konsequenz: Ein verspannter Psoas kann eine Beckenverwringung verursachen. Und weil er an der Wirbelsäule oberhalb des Zwerchfells verankert ist und quasi darunter durchtaucht, zieht er das Zwerchfell bei Verkürzung nach vorne. Die gesamte Statik in diesem Raum verändert sich – die Hiatusschlinge verliert an Spannung.

Zusätzlich liegt das Zwerchfell mit seinen untersten Fasern direkt auf dem Psoasmuskel auf. Ist der Psoas verspannt, schränkt er die Bewegungsfähigkeit des Zwerchfells ein – seine Fähigkeit, sich beim Atmen vollständig zusammenzuziehen. Das betrifft die Atmung genauso wie den Refluxschutz.

Der Zusammenhang zwischen Stress, Psoas-Verspannung und Reflux ist nicht metaphorisch – er ist anatomisch. Wer unter Dauerstress steht, spannt den Psoas chronisch an, was das Zwerchfell in seiner Funktion einschränkt. Das gilt für klassischen Reflux genauso wie für Stillen Reflux.

Selbsttest: Ist dein Psoas zu schwach oder verkürzt?

Test 1 – Kraft: Stell dich an eine Wand und hebe ein Bein mit rechtwinklig geknicktem Knie nach oben. Halte die Position 10 Sekunden. Wenn du dabei zur Seite knickst oder das Bein nicht in die rechtwinklige Position bringst, ist der Psoas zu schwach.

Test 2 – Verkürzung: Leg dich flach auf den Rücken. Wenn sich ein deutliches Hohlkreuz bildet, ist das ein erstes Zeichen für Verkürzung. Jetzt ziehe ein Bein mit geknicktem Knie zur Brust. Hebt sich dabei das andere Bein leicht vom Boden? Dann ist dein Psoas verkürzt.

Das Zwerchfell selbst, was Dauersitzen anrichtet

Das Zwerchfell ist ein großer Muskel mit einem Sehnenansatz in der Mitte. Seine Verschieblichkeit beim Atmen beträgt 6 bis 7 Zentimeter. Im Sitzen zieht es sich nur minimal zusammen – der Brustkorb erweitert sich hauptsächlich nach oben. Das bedeutet auf Dauer: Kraftverlust des Zwerchfells, nachlassende Spannung der Hiatusschlinge, geschwächter Refluxschutz.

Für Menschen mit Stillem Reflux hat das eine besondere Bedeutung: Anders als bei klassischem Reflux, wo Säure flüssig aufsteigt, steigt bei LPR gasförmiges Pepsin auf – und dieses Gas überwindet auch einen nur leicht geschwächten Schließmuskel. Was bei gesundem Zwerchfell kein Problem wäre, wird bei dauerhaft geschwächter Hiatusschlinge zum täglichen Symptomtreiber.

Psoas-Zwerchfell-Verbindung

Was du konkret tun kannst

Psoas und Quadratus entspannen und kräftigen

Es ist kein einfaches Unterfangen – aber es lohnt sich. Im Internet findest du viele Videos zu Psoas-Dehnung, Quadratus-Triggerpunktmassage und Kräftigungsübungen für beide Muskeln. Gezielte Physiotherapie oder Osteopathie sind die effektivsten Wege, wenn du nicht weißt wo anfangen. Mein Physiotherapeut bestätigte mir damals: Ich bin nicht die Einzige, die ihren Reflux auf diesem Weg deutlich verbessert hat.

Zwerchfellatmung täglich üben

Bauchatmung ist Zwerchfelltraining. Täglich fünf Minuten – 4 Sekunden einatmen, 6 Sekunden ausatmen – stärkt das Zwerchfell und aktiviert gleichzeitig den Vagusnerv. Ein doppelter Gewinn für Reflux- und LPR-Betroffene.

Sitzpausen einbauen

Alle 45–60 Minuten aufstehen, zwei bis drei Minuten gehen. Ein kurzer Spaziergang nach dem Essen beschleunigt die Magenentleerung und senkt den Druck im Bauchraum – direkt weniger Refluxlast auf die Hiatusschlinge.

Abends aufrecht bleiben

Nach dem Abendessen mindestens 2–3 Stunden aufrecht bleiben. Bei Stillem Reflux ist gasförmig aufsteigendes Pepsin im Liegen besonders aggressiv gegenüber Kehlkopf- und Rachenschleimhaut.

Wenn PPI und Ernährungsumstellung nicht ausreichend helfen und du viel sitzt: Lass Psoas, Quadratus und Zwerchfell von einem Physiotherapeuten oder Osteopathen beurteilen. Es könnte der fehlende Puzzlestein sein.

Mehr zu Muskulatur und Stillem Reflux

Psoas und Quadratus sind nur zwei von mehreren Muskeln, die bei Stillem Reflux eine Rolle spielen. Wie Halsmuskulatur, Kiefer und Beckenboden zusammenwirken:

→ Stiller Reflux und Muskeln – Zwerchfell, Hals und Kiefer im Fokus

→ Stiller Reflux und sensomotorische Amnesie

→ Zwerchfell und Reflux

→ Stiller Reflux – die Ursachen

Fazit

Dieser Artikel soll euch eine Erklärung für euren eventuell vorhandenen Zwerchfellbruch geben, die Ärzte nur selten in Betracht ziehen, Physiotherapeuten und Osteopathen aber schon einige Zeit ins Feld führen. Was aber hierbei besonders von Interesse ist, ist die Tatsache, dass wir vielleicht in der Lage sein werden, unseren Zwerchfellbruch einfach weg zu trainieren!

Wie mir mein Physiotherapeut sagte, bin ich nicht die Einzige, die derartige Erfahrungen gemacht hat!  Was also hindert uns daran, es wenigstens zu versuchen! Nein, es ist nicht die einfache Lösung unserer Probleme mit dem Reflux. Aber wenn es denn tatsächlich ein Reflux durch zu häufiges Sitzen sein sollte, haben wir eine echte Chance ihn ganz allein zu besiegen.

Und Hand aufs Herz, wenn wir uns die Hiatusschlinge betrachten, so ist es bei den Zwerchfellbruch-OPs doch irgendwie so, als würde man etwas zusammennähen, was nicht wirklich zusammengewachsen war. Es ist kein einfaches Unterfangen, die drei beteiligten Muskeln zu entspannen, zu dehnen und zu kräftigen. Aber es lohnt sich. Ihr findet im Internet jede Menge Videos und Methoden hierzu. Ich wünsche euch viel Erfolg dabei.

Quellen

 

  •  Michael Schünke: Funktionelle Anatomie – Topographie und Funktion des Bewegungssystems. Georg Thieme, Stuttgart 2000, ISBN 978-3-13-118571-6, S. 195.
  • Johannes W. Rohen, Elke Lütjen-Drecoll: Anatomie des Menschen. Schattauer, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-7945-2535-5, S. 43
  • Sieglinde Bogensberger: Taschenlexikon Medizin. Elsevier, Urban&Fischer, 2004, ISBN 978-3-437-15011-1, S. 57.
  • Simons, David G., Lois S. Simons, and Janet G. Travell. Travell & Simons’ Myofascial Pain and Dysfunction: The Trigger Point Manual. Baltimore, MD: Williams & Wilkins, 1999. 
  • Davies, Clair, and Davies, Amber. The Trigger Point Workbook: Your Self-Treatment Guide For Pain Relief. Oakland: New Harbinger Publications, Inc.
  • Schünke, Michael., Schulte, Erik, and Schumacher, Udo: Lernatlas der Anatomie. Stuttgart/New York: Georg Thieme Verlag, 2007