Nerven und Reflux

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Nerven und Stiller Reflux - wenn Nervus phrenicus und Vagusnerv aus dem Gleichgewicht geraten

Kein Sodbrennen, aber Kloßgefühl, Räusperzwang, chronische Heiserkeit oder das Gefühl, ständig räuspern zu müssen? Dann liegt das Problem nicht im Magen – sondern oft in den Nerven, die Zwerchfell und Schließmuskeln steuern. Zwei Nerven spielen dabei eine Schlüsselrolle: der Nervus phrenicus und der Nervus vagus. Beide steuern direkt die Mechanismen, die Stillen Reflux entstehen lassen oder verhindern.

Dieser Artikel richtet sich an alle, die unter Reflux leiden – ob mit Sodbrennen oder ohne. Die nervlichen Zusammenhänge, die wir hier besprechen, gelten für klassischen Reflux und für Stillen Reflux (LPR) gleichermaßen. Der Unterschied liegt nur darin, wohin das Refluat aufsteigt: bei LPR gasförmig bis in Kehlkopf und Rachen, ohne Brennen – aber mit Symptomen, die jahrelang falsch gedeutet werden.

Therapieresistenter Stiller Reflux – also LPR, der trotz PPI und Ernährungsanpassung nicht besser wird – hat in vielen Fällen eine nervliche Ursache. Nervus phrenicus und Vagusnerv sind der Schlüssel, der in der Standarddiagnostik fast nie angeschaut wird.


Der Nervus phrenicus – der Zwerchfellnerv und sein Einfluss auf Reflux

Der Nervus phrenicus entspringt aus den Halswirbelsäulensegmenten C3, C4 und C5. Seine Hauptaufgabe ist die motorische Innervation des Zwerchfells – er steuert jeden Atemzug, den wir machen. Er hat einen rechten und einen linken Ast, die durch den Oberkörper verlaufen und auf dem Zwerchfell in mehrere motorische Endäste aufgeteilt werden.

Dabei versorgt er nicht nur das Zwerchfell: Er innerviert auch das Rippenfell, die Gewebeummantelung der Leber und der Gallenblase – und direkt am Mageneingang den unteren Speiseröhrenschließmuskel. Dieser Punkt ist für LPR-Betroffene zentral: Wenn der Nervus phrenicus in seiner Funktion beeinträchtigt ist, kann der Schließmuskel seinen Job nicht mehr richtig machen.

Nervus phrenicus

Warum Halswirbelsäulenprobleme Stillen Reflux mitverursachen können

Probleme mit der Halswirbelsäule sind bei Menschen mit Stillem Reflux häufiger als bei klassischem Reflux – wahrscheinlich, weil LPR-Betroffene oft auch unter Verspannungen im Hals- und Nackenbereich leiden. Der Nervus phrenicus entspringt genau aus den Segmenten, die bei Fehlhaltung, Bildschirmarbeit und dem typischen "Geierhals" am meisten unter Druck stehen.

Bandscheibenvorfälle, Verschiebungen durch Fehlhaltung, Schleudertraumen – all das kann den Nervus phrenicus reizen oder schädigen. Die Folgen: veränderte Zwerchfellbewegung, nachlassende Spannung der Hiatusschlinge, geschwächter Schließmuskeltonus. Und damit: mehr Reflux, mehr LPR-Symptome.

Eine Reizung des Nervus phrenicus kann auch entstehen durch das Gas bei einer Bauchspiegelung, durch eine besonders üppige Mahlzeit – oder durch Druck eines Zwerchfellbruchs, wenn der Magen immer wieder durch die Hiatusschlinge gleitet und dabei auf den linken Endast des Nervus phrenicus drückt.

Die Scalenusmuskeln – wenn der Hals den Nerv einengt

Die drei Scalenusmuskeln (Treppenmuskeln) verlaufen von der Halswirbelsäule zu den oberen beiden Rippen. Sie sind wichtige Atemhilfsmuskeln und heben die Rippen bei der Einatmung. Der Nervus phrenicus verläuft genau zwischen diesen Muskeln hindurch.

Wer viel sitzt, am Bildschirm arbeitet oder chronisch gestresst ist, entwickelt über Zeit Dauerverspannungen in den Scalenusmuskeln. Wenn diese Muskeln chronisch verkrampft sind, kann der Nervus phrenicus eingeengt werden. Die Folgen:

→ Behinderung der Zwerchfellatmung

→ Verspannungen des Zwerchfells und der Brustwirbelsäule

→ Irritation des Herzbeutels und der Herzrückwand – Spannungen hinter dem Brustbein

→ Strangulierung des unteren Speiseröhrenschließmuskels durch übermäßige Zwerchfellspannung

Bei Stillem Reflux ist der Zusammenhang zwischen Scalenusverspannung, Nervus phrenicus und LPR-Symptomen besonders relevant: Kloßgefühl und Halsverspannungen treten häufig gemeinsam auf – und sind anatomisch direkt miteinander verbunden.

Der Vagusnerv – der Dirigent der Verdauung

Der Vagusnerv ist der zehnte Hirnnerv und ein wahrer Bigplayer der Verdauung. 80 % seiner Fasern sind sensorisch – sie hören den Organen zu und informieren das Gehirn über den inneren Zustand. Nur 20 % geben Befehle vom Gehirn an die Organe weiter. Er ist der Gegenspieler des Sympathikus – er beruhigt, reguliert und bringt das vegetative Nervensystem nach Stress zurück in die Balance.

Seine Aufgaben bei der Verdauung sind vielfältig:

→ Stimulation der Magensäureproduktion beim Essen

→ Steuerung der Magenentleerung

→ Regulierung der Darmperistaltik

→ Kontrolle des unteren Speiseröhrenschließmuskeltonus

→ Steuerung der Gallenflüssigkeitsausschüttung

→ Regulation von Herzrhythmus, Stimmung, Hungergefühl

Für LPR-Betroffene sind besonders drei dieser Aufgaben relevant: Magensäureproduktion, Magenentleerung und Schließmuskeltonus. Ein Vagusnerv, der nicht optimal funktioniert, kann an allen drei Stellen gleichzeitig Probleme verursachen – und Stillen Reflux so aus mehreren Richtungen befeuern.

Zu wenig Magensäure durch Vagusnerv-Dysregulation – der paradoxe Reflux

Hier liegt eines der größten Missverständnisse bei Stillem Reflux: Viele LPR-Betroffene haben nicht zu viel Magensäure, sondern zu wenig. Ein unteraktiver Vagusnerv produziert zu wenig Magensäure, was die Magenentleerung verlangsamt und die bakterielle Besiedlung im Magen erhöht. Der Magen füllt sich mit Gas – und dieses Gas steigt auf. Nicht als flüssige Säure, sondern gasförmig – mit Pepsin, das Kehlkopf- und Rachenschleimhaut schädigt.

Ein schwacher Vagusnerv kann paradoxerweise mehr LPR-Symptome verursachen als ein überaktiver. PPI senken die Magensäure weiter – und können die Situation verschlechtern. Das erklärt, warum viele LPR-Betroffene auf PPI kaum ansprechen.

Vagusnerv - Verlauf

Zwerchfellbruch und Vagusnerv – wenn Anatomie zum Problem wird

Der Vagusnerv verläuft entlang der Speiseröhre und tritt gemeinsam mit ihr durch die Hiatusschlinge des Zwerchfells in den Bauchraum. Er liegt direkt auf der Speiseröhre und dem Magen auf. Wenn ein Zwerchfellbruch vorliegt und Teile des Magens durch die gelockerte Hiatusschlinge nach oben rutschen, kann der Vagusnerv gequetscht oder gereizt werden.

Die Konsequenzen einer Vagusnerv-Reizung durch Zwerchfellbruch:

→ Unzureichende Magensäureproduktion – zu wenig, nicht zu viel

→ Verlangsamte Magenentleerung – Gasproduktion und Druckaufbau im Magen

→ Geschwächter Schließmuskeltonus – Weg frei für gasförmiges Pepsin

→ Störungen der Gallenflüssigkeitsausschüttung – möglicher Gallereflux

→ Veränderte Darmperistaltik – Blähungen, SIBO-Risiko

Der Vagusnerv ist damit das anatomische Bindeglied, das erklärt warum Zwerchfellbruch, zu wenig Magensäure, verlangsamte Magenentleerung und Stiller Reflux so häufig gemeinsam auftreten – ohne dass diese Zusammenhänge in der Praxis besprochen werden.

Der dorsale Vagus und Stiller Reflux – wenn das Nervensystem in den Erstarrungsmodus schaltet

Die Polyvagal-Theorie von Stephen Porges unterscheidet zwischen zwei Vagus-Ästen: dem ventralen (sozialen, regulierenden) und dem dorsalen (primitiven, erstarrenden). Bei chronischem Stress, Trauma oder anhaltender Überlastung kann das Nervensystem in den dorsalen Vagus-Modus schalten – eine Art biologisches Abschalten.

Im dorsalen Vagus-Modus verlangsamt sich die Verdauung, der Vagustonus sinkt, die Magensäureproduktion nimmt ab, der Schließmuskeltonus lässt nach. Ein Zustand, den viele LPR-Betroffene beschreiben: erschöpft, flach, kaum Energie – und trotzdem oder gerade deshalb mehr Refluxsymptome.

Was kannst du konkret tun?

Den Vagusnerv aktivieren

Der Vagusnerv ist trainierbar. Regelmäßige Vagusnerv-Stimulation kann den Tonus erhöhen und direkt die Schließmuskelfunktion, Magenentleerung und Magensäureproduktion verbessern:

→ Tiefes, langsames Atmen mit verlängerter Ausatmung (4 Sekunden ein, 6 Sekunden aus)

→ Summen, Singen, Gurgeln mit kaltem Wasser

→ Kaltes Wasser im Gesicht – aktiviert den Tauchreflex und den Vagus

→ Soziale Kontakte, Lachen, Sicherheitsgefühl – ventrale Vagus-Aktivierung

Die Halswirbelsäule ernst nehmen

Wer unter Stillem Reflux leidet und gleichzeitig unter Hals- und Nackenverspannungen, Tinnitus oder Kopfschmerzen – lass die Halswirbelsäule osteopathisch oder physiotherapeutisch beurteilen. Die Scalenusmuskeln und die Nervus phrenicus-Passage sind ein legitimer diagnostischer Ansatz, der in der Gastroenterologie nicht vorkommt.

Stress als physiologischen Faktor verstehen

Chronischer Stress ist kein Lifestyle-Problem – er verändert messbar den Vagustonus, die Magensäureproduktion und den Schließmuskeltonus. Nervensystemregulierung ist bei therapieresistentem Stillem Reflux keine Ergänzung zur Behandlung, sondern ein zentraler Baustein.

PPI kritisch hinterfragen

Wenn PPI keine ausreichende Wirkung zeigen oder die Symptome unter PPI sogar schlechter werden, ist das ein Hinweis auf zu wenig Magensäure statt zu viel. Dieser Schritt gehört in ärztliche Begleitung – aber das Thema sollte aktiv angesprochen werden.

Die Beziehungen zwischen Nervus phrenicus, Vagusnerv und Stillem Reflux sind vielfältig – und weitgehend untererforscht. Wer therapieresistenten LPR hat, sollte diese nervlichen Zusammenhänge als mögliche Erklärung in Betracht ziehen.

Weiterführende Artikel

→ Vagusnerv, Stiller Reflux und zu wenig Magensäure

→ Stiller Reflux und dorsaler Vagus

→ Zwerchfell und Reflux

→ Reflux und die Darm-Hirn-Achse

→ Stiller Reflux – die Ursachen

Fazit

Sie sind vielfältig, die Beziehungen zwischen dem Nervus Vagus, dem Nervus phrenicus und unserem Reflux. Und je mehr wir uns hineindenken in die Abläufe in unserem Körper, je deutlicher wird: Es gibt noch viel zu ergründen. So mancher therapieresistente Reflux wird vielleicht ja bald nicht nur erklärbar, sondern auch behandelbar, wenn nicht heilbar sein. Längst sind die Auswirkungen einer Störung des Vagusnervs aus der Ecke der Esoterik gerückt und treten immer deutlicher auch in den Fokus der Forschung. Hoffen wir, dass auch der Nervus phrenicus (Zwerchfellnerv) bald mit einbezogen wird, wenn es an die Ursachenforschung für den Reflux der einzelnen Betroffenen geht. Denn auch hier gilt: Reflux ist individueller als gedacht!

Quellen

 

Gregor Hasler: Die Darm-Hirn-Connection, 2019, Schattauer by J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Breit,S., Kupferberg,A., Rogler,G., , G.,Hasler (2018): Vagusnerv and Modulator of the Brain-Gut-Axis in Psychiatric and Inflammatory disorders, Front Psychiatry 9:44.

Foster, J.A. / McVey Neufeld, K.A. (2013). Gut-brain axis: how the microbiome influences anxiety and depression. Trends Neurosci. 36(5). 305-12.

Kelly, J.R. / Kennedy, P.J. / Cryan, J.F. / Dinan, T.G. / Clarke, G. / Hyland, N.P. (2015). Breaking down the barriers: the gut microbiome, intestinal permeability and stress-related psychiatric disorders. Front Cell Neurosci. 9. 392.

Gastric Emptying and Vagus Nerve Function After Laparoscopic Partial Fundoplication

Impairment of Vagal Function in Reflux Oesophagitis

The vagus nerve and the inflammatory reflex—linking immunity and metabolism

Vagus Nerve Stimulation
Omega-3 Polyunsaturated Fatty Acids and Heart Rate VariabilityA Review of omega-3 Ethyl Esters for Cardiovascular Prevention and Treatment of Increased Blood Triglyceride Levels

Diaphragmatic dysfunction

Origin and prevalence of the accessory phrenic nerv: A meta-analysis and clinical appraisal

The human phrenic nerv serves as a morphological conduit for autonomic nerves and innervates the caval body of the diaphragm

Möchtest du deinen Stillen Reflux ganzheitlich angehen?

→ Gratis: E-Book + Ernährungslisten bei Stillem Reflux

→ VagusPower – Selbstregulation bei Stillem Reflux