Schluckstörungen? Was ist das?

erstellt am:       15/08/2019
aktualisiert am: 13/04/2021

Frau mit Schluckstörungenen beim Essen

Grundlagen

Schluckbeschwerden mit dem subjektiven Empfinden einer erschwerten Passage durch die Speiseröhre oder sogar des Steckenbleibens von fester oder flüssiger Nahrung werden als schmerzlose Schluckstörung (Dysphagie) bezeichnet. 
Schluckstörungen können unterschiedlichste Ursachen haben und zu vielen verschiedenen Krankheitsbildern gehören. Wir beschränken uns hier auf Beschwerden der Art, die mit dem Verdauungstrakt in Verbindung stehen.

Die Schluckstörung ist ein Leitsymptom von Erkrankungen durch muskuläre Fehlfunktionen. Aber sie ist es ebenso bei organischen Veränderungen, meist die Speiseröhre verengende Erkrankungen.
Häufige Begleitsymptome sind:

 
  • Sodbrennen
  • Speichelfluss
  • Brechreiz
  • Erbrechen
  •  hervorwürgen der Nahrung

In schweren Fällen kommen Hustenreiz und Atemprobleme hinzu.
Dem Leitsymtom Schluckstörung kann eine Vielzahl von Ursachen und Erkrankungen des Mund-Rachenraumes, der Speiseröhre und des Zwerchfells zugeordnet werden.
Daneben gibt es auch viele systemische Erkrankungen, die Schluckstörungen zu ihren Symptomen zählen. Dazu zählen Erkrankungen des zentralen Nervensystems wie ein Schlaganfall, Multiple Sklerose, amyotrophe Lateralsklerose, Rückenmarkserkrankungen, Morbus Parkinson, Hirntumore, Nervenentzündungen, Muskelerkrankungen sowie das Sicca-Syndrom, bei dem es zu ausgetrockneten Schleimhäuten auch in der Speiseröhre kommen kann.

Wie verläuft eigentlich der Schluckakt?

Der gesunde Schluckakt verläuft in drei Phasen:

Während der ersten, der oralen Phase wird die Nahrung mit Speichel durchmischt ,zerkleinert und durchmengt. Im Speichel befinden sich Feuchtigkeit und Eiweiße, die wir zur Verdauung brauchen. Danach schiebt die Zunge den so entstandenen Nahrungsbrei weiter in Richtung Rachen und es kommt zum Schluckreflex.

Die Muskulatur in der Rachenwand befördert nun die Nahrung in die Speiseröhre. Der Eingang zur Luftröhre wird in diesem Moment vom Kehldeckel und den Stimmlippen geschlossen, so dass wir uns nicht verschlucken und Nahrungsbrei etwa in die Lunge gerät. Beim Atmen und Sprechen wird der Eingang zur Speiseröhre vom oberen Speiseröhrenschließmuskel geschlossen.

Die dritte Phase des Schluckaktes besteht aus dem Transport der Nahrung durch die Speiseröhre in den Magen. die Nahrung wird durch gleichmäßige Bewegungen der Muskulatur in der Speiseröhrenwand zum Magen transportiert. Kommt die Nahrung am unteren Ende der Speiseröhre an, so öffnet sich der untere Speiseröhrenschließmuskel um die Nahrung passieren zu lassen und schleißt sich kurz darauf wieder. Den unteren Speiseröhrenschließmuskel nannte man früher auch Cardia, Magenmund. Dieser Begriff findet manchmal heute noch Verwendung, auch weil er kürzer ist.

Zentren im Großhirn und dem Hirnstamm steuern den Schluckakt.

Arten von Schluckstörungen

In der Medizin wird der Begriff Dysphagie für alle Arten von Schluckstörungen angewendet.
Genauer betrachtet aber wird der Begriff Dysphagie eigentlich für schmerzlose Schwierigkeiten beim Schluckvorgang verwendet. Entstehen beim Schluckakt auch Schmerzen beim Schlucken, so sprechen Mediziner von Odynophagie.
Kann der Betroffene überhaupt nicht mehr Schlucken, so handelt es sich um eine Aphagie.

Formen von Schluckstörungen

Man unterscheidet zwei Arten von Schluckstörungen. Hoch sitzende Schluckstörungen am Beginn des Schluckaktes (Transferdysphagie) und Schluckstörungen der Speiseröhre (Transportdysphagie).

hoch sitzende Schluckstörungen

Diese Art von Schluckstörungen finden am Beginn des Schluckaktes statt und der Transport des Nahrungsbreis vom Rachen in die obere Speiseröhre ist behindert.
 Das im Mund entstandene Gemisch aus Speisebrei und Speichel kann nicht oder nur unzureichend in die Speiseröhre geschluckt werden. Es fließt in den Mund-Rachen-Raum zurück (Regurgiration) oder es gerät über die Luftröhre in die Lungen (Aspiration). Der Körper reagiert darauf mit starkem Hustenreiz, um die Lunge von den Fremdkörpern zu befreien. Gelingt es nicht das gesamte in die Lungen geratene Material auszuhusten, kann das zu einer Lungenentzündung führen.

Hauptursachen sind: 

  • Tumoren des Rachenraumes oder ein hoch sitzender Speiseröhrentumor
  • Mandelentzündung, Kehlkopfentzündung, Abszesse
  • Zungengrundveränderungen durch Allergie, Entzündung, Schwellungen, Tumoren oder eine Blutung
  • Wirbelsäulenveränderungen
  • Sicca-Syndrom (Austrocknung der Schleimhäute in Mund, Rachen, Auge und Speiseröhre)
  • systemische Erkrankungen
  • Schlaganfall
  • Parkinson-Erkrankung
  • Multiple Sklerose
  • Schädel-Hirn-Trauma
  • Borelliose
  • degenerative Erkrankungen des zentralen Nervensystems
  • Miller-Fisher-Syndrom (Hirnnervenerkrankung)
  • amyotrophe Lateralsklerose und ihre Sonderformen
  • Myastenia gravis
  • Lambert-Eaton-Syndrom
  • Botulismus
  • Erkrankungen mit fortschreitendem Muskelschwund
  • Nervenschäden durch Diabetes oder Alkoholismus
  • Entzündungen durch Viren, Bakterien oder Pilze
  • Mandel-Rachen-Entzündungen
  • Gefäßentzündungen in der oberen Speiseröhre
  • vergrößerte Schilddrüse (Struma)
  • trockener Mund mit stark verringerter Speichelproduktion
  • Medikamente: Muskelrelaxantien, Wirkstoffe gegen Psychosen, Reizblase, Epilepsie und Parkinsonerkrankung

Schluckstörungen der Speiseröhre

Hier handelt es sich um das Gefühl des Steckenbleibens oder der verlangsamten Nahrungspassage im mittleren bis unteren Brustraum. Betroffene klagen hierbei oft über das Steckenbleiben von Nahrung und ein Druckgefühl im Brustbereich.

organische (mechanische) Ursachen:

  • Tumoren (Speiseröhrenkrebs, Kardiakarzinom), Lungenkrebs, Krebs des Mediastinums etc.
  • Verengungen der Speiseröhre (angeboren)
  • Speiseröhrenentzündung (meist durch Pilze hervorgerufen)
  • Geschwürbildungen
  • Anomalien wie Divertikel, Membranen, Ringe
  • Fremdkörper
  • Speiseröhrenkompression durch Prozesse im Mittelfellraum (Herz und Herzbeutel, unterer Teil der Luftröhre und Brustteil der Speiseröhre), Aortenaneurysma, Vergrößerung des linken Vorhofs des Herzens und durch eine sog. Arteria lusoria (Spielart des Verlaufs der rechten Unterschlüsselbeinarterie)
  • Funktionsgemäße Ursachen sind:
  • Bewegungsstörungen der Speiseröhre (Achalasie, Ösophagusspasmus)
  • Tumoren der Speiseröhre
  • Verengungen der Speiseröhre
  • Autoimmunerkrankungen (Sklerodermie: Bindegewebserkrankung mit Verhärten der Wand der Speiseröhre)
  • Nervenschädigungen
  • eosinophile Speiseröhrenentzündung
  • hyperkontraktiler Ösophagus
  • Refluxkrankheit
  • Fundoplikatio (Operation eines Zwerchfellbruchs bei Refluxkrankheit)
  • Vagotomie (Durchtrennung des Nervus vagus)
  • Verätzungen der Speiseröhre mit darauffolgender Vernarbung
  • Schatzki-Ring (Verengung der Speiseröhre im unteren Teil durch Schleimhautgewebe, meist durch Zwerchfellbruch hervorgerufen)
  • Plummer-Vinson-Syndrom (Eisenmangel mit Schleimhautschwund an der Zunge, im Mund, Rachen und der Speiseröhre, vergesellschaftet mit Zungenbrennen)

Schluckstörungen im Alter

Mit dem Alter steigt auch das Risiko, eine Schluckstörung zu bekommen. Mit den Jahren werden Muskeln und Bindegewebe schwächer. Der Schluckreflex wird oft verspätet ausgelöst. Medikamente und Vorerkrankungen können sich ebenfalls negativ auswirken. Bettlägerige Betroffene können oft kaum noch die richtige Körperhaltung zum Essen und Trinken einnehmen. Gibt es für eine Schluckstörung keine andere Ursache, als eben das Alter, so bezeichnet die Medizin sie als Presby-Dysphagie. 

funktionelle Schluckstörungen

Solche Schluckstörungen können in jedem Alter auftreten. Hierbei treten Schluckstörungen auf, ohne dass eine organische Ursache gefunden werden kann. Auch psychische Faktoren können zur Entstehung einer Schluckstörung beitragen.

Folgen von Schluckstörungen

Es geschieht immer wieder, dass ein Bissen im Halse stecken bleibt, oder nur schwer hinunter geschluckt werden kann. Oft ist die Nahrung nicht richtig zerkaut oder zu wenig mit Speichel vermengt. Der Schluckakt ist ein Vorgang in unserem Körper der lebenswichtig ist. Nur mit seiner Hilfe können wir unserem Körper Wasser und Nährstoffe zuführen. Deshalb können Probleme beim Schlucken gravierende Folgen haben. Schluckstörungen führen besonders bei Älteren zu Mangelernährung und Austrocknung. Gerät dann auch noch der Nahrungsbrei in die Lunge, so kann es schnell zu einer Lungenentzündung kommen, wenn der Fremdkörper nicht vollständig aus der Lunge abgehustet werden kann.

Was passiert beim Arzt?

Nach der Erhebung der Krankengeschichte wird der Arzt zunächst ein paar Fragen stellen, wie etwa:

  • Seit wann bestehen die Schluckstörungen?
  • Ist die Schluckstörung schmerzhaft?
  • Kommt das Nahrungsgemisch beim Versuch zu Schlucken oft aus der Nase wieder heraus?
  • Sind die Probleme plötzlich aufgetreten?
  • Gibt es noch andere Symptome?
  • gibt es Vorerkrankungen wie die Refluxkrankheit mit Sodbrennen?
  • Nachtschweiß?
  • erhöhte Temperatur?

    Dann wird der Arzt wahrscheinlich eine körperliche Untersuchung durchführen. Er achtet dabei auf Veränderungen in Mundhöhle und Rachen, untersucht den Hals auf Schwellungen und überprüft den Kehlkopf.
    Danach wird er eventuell einen sogenannten Wasserschlucktest machen. Dabei bekommt ihr ein paar Milliliter Wasser zu trinken. Danach sollt ihr sprechen. Der Arzt achtet unter anderem darauf, ob es Veränderungen am Stimmklang gibt, ob euch Wasser durch die Nase austritt oder ihr stark husten müsst.
    Weiter tastet der Arzt die umliegenden Lymphknoten ab.

Untersuchungen bei Schluckstörungen

Um die genaue Ursache von Schluckstörungen zu ermitteln wird meist eine Magenspiegelung, eigentlich endoskopische Untersuchung von Speiseröhre, Magen und Zwölffingerdarm angeordnet. Der Arzt kann so bösartige Veränderungen an Magen und Speiseröhre ausschließen und auch Gewebeproben entnehmen. Außerdem können Engstellen geweitet werden und überschüssiges Schleimhautgewebe entfernt werden. Ist die Magenspiegelung unauffällig, so werden weitere Tests gemacht. 
Beispielsweise bei Ursachen wie eine Achalasie oder einem diffusen Ösophagusspasmus können dann durch eine Ösophagusdruckmessung, also eine Speiseröhrenmanometrie hilfreich sein.
Sollte eine Refluxkrankheit die Ursache von Schluckstörungen sein, so wird manchmal eine Impedanz-pH-Metrie gemacht. Dabei kann das Ausmaß und die Art des Refluxes ermittelt werden. In beiden Fällen führt der Arzt eine spezielle Sonde über die Nase in die Speiseröhre ein.
Auch der sogenannte Röntgenbreischluck dient zur Ermittlung der genauen Ursache von Schluckstörungen.Dabei erhält der Betroffene eine mit einem Kontrastmittel versetzte Flüssigkeit zu trinken, die er unter Röntgenkontrolle schluckt. So kann der Arzt den Schluckvorgang beurteilen und auch Veränderungen der Speiseröhre erkennen.

andere Untersuchungsmethoden

Weitere Untersuchungen bei Schluckstörungen könnten eventuell eine Ultraschalluntersuchung mittels Gastroskop sein. Das kann beispielsweise helfen, eine Veränderung an der Speiseröhrenwand zu finden.
Besteht der Verdacht auf bösartige Wucherungen, so führen die Ärzte oft eine Bildgebende Untersuchung wie eine Computertomographie oder eine Magnetresonanztomografie durch. Dabei überprüfen sie, ob der Krebs bereits in benachbarte Organe wuchert.
Wenn die Ursache der Schluckstörung eine Erkrankung des Gehirns, der Muskeln oder der Nerven ist, so führt ein Neurologe weitere Tests durch.

Wie wird eine Schluckstörung behandelt?

Die Behandlung einer Schluckstörung richtet sich ganz nach ihrer Ursache.
Bösartige Wucherungen werden meist operiert und im Anschluss folgt eine Chemotherapie oder auch eine Strahlentherapie.
Gutartige Wucherungen wie auch entzündliche Veränderungen der Speiseröhre können meist bei einer Speiseröhren-Magen-Spiegelung behandelt werden. Dort wird dann mittels Laser, Ballondillatation oder einem Stent die jeweilige Ursache für die Schluckstörung behoben.

In einigen Fällen erhalten die Betroffenen auch Medikamente bei einer Schluckstörung.Zum Einsatz kommen Prokinetika, die die Bewegungen der Speiseröhre verstärken und unterstützen, Krampflöser (Spasmolytika) verringern überschießendes Zusammenziehen der Speiseröhrenmuskulatur. Bei einer Refluxkrankheit werden Protonenpumpeninhibitoren oder Antazida gegeben.

Quellen

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  • Rohof WOA, Bredenoord AJ. Chicago Classification of Esophageal Motility Disorders: Lessons Learned. Curr Gastroenterol Rep 2017; 19(8): 37. PMID: 28730503 PubMed
  • Coss-Adame E, Erdogan A, Rao SSC. Treatment of Esophageal (Non-cardiac) Chest Pain: Review. Clin Gastroenterol Hepatol 2014; 12(8): 1224–1245. PMID: 23994670 PubMed
  • Vanuytsel T, Bisschops R, Farré R et al.: Botulinum toxin reduces Dysphagia in patients with nonachalasia primary esophageal motility disorders. Clin Gastroenterol Hepatol 2013; 11: 1115-1121.e2. PMID: 23591282 PubMed
Über die Autorin
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Andrea Barbara Kuhl arbeitet als Medizinjournalistin und Autorin. Sie ist die Gründerin und Chefredakteurin von Magenkompass. Nach Abschluss eines naturwissenschaftlichen Studiums mit Diplom begann sie sich für Medizinjournalismus zu interessieren und machte ihn zu ihrem Beruf. Als Betroffene von Magen-Darm-Erkrankungen weiß sie, worüber sie schreibt.

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