Die PPI-Falle: Machen Säureblocker süchtig?

PPI-Falle

2. Überarbeitung: 5.10.2026

Sind wir alle in die PPI-Falle getappt? Machen Säureblocker süchtig? Sind die Nebenwirkungen tatsächlich so gravierend?
 Wir kennen es alle, das mulmige Gefühl wenn wir morgens unseren „Magenschutz“, wie ihn unser Gastroenterologe liebevoll nennt, einnehmen.

Leidest du unter Stillem Reflux – also Kloßgefühl, Räusperzwang, Heiserkeit ohne Sodbrennen? Dann ist die PPI-Frage für dich besonders wichtig. Denn bei Stillem Reflux haben Säureblocker in Studien im Schnitt kaum besser gewirkt als ein Scheinmedikament. Und bei vielen Betroffenen ist nicht zu viel Säure das Problem, sondern eine durch Dauerstress gebremste Verdauung. In meinen Beratungen sehe ich oft, dass ein Säureblocker anfangs einige Wochen hilft und es dann kippt: Er hilft nicht mehr, oder die Beschwerden werden stärker.

Jeden Morgen fragen wir uns: Muss ich das Zeug wirklich für immer nehmen? Und dann erinnern wir uns an die drei schlaflosen Nächte, als wir einmal versucht haben, unseren ‚Freund‘ mit dem Nachnamen „prazol“ nicht mehr zu nehmen. Das war nicht unsere beste Idee, denn wir hatten all die Beschwerden, gegen die er uns einmal verschrieben worden war plötzlich wieder! Das Sodbrennen quälte uns Tags und vor allem nachts und das Aufstoßen und die Übelkeit waren auch wieder da, nur schlimmer als vorher. Drei Tage quälten wir uns so herum, weil uns immer wieder dieser Artikel einfiel, in dem wir über all die unerfreulichen Nebenwirkungen unseres „Magenschutzes“ gelesen hatten. Aber spätestens am vierten Morgen gaben wir auf und nahmen ihn wieder, unseren ‚Freund‘ namens Omeprazol, Pantoprazol, Lansoprazol, Rabeprazol oder Esomeprazol. Und es ging uns recht schnell besser, die Quälerei hatte ein Ende! Wenn da nicht diese Nebenwirkungen wären, die unser Arzt ganz unerwähnt ließ, die uns nun jeden Morgen dieses mulmige Gefühl verschaffen, wenn wir ihn wieder herunterschlucken, unseren „Magenschutz“! Und irgendwie machen die PPI’s ja wohl auch süchtig, oder doch nicht?

Doch es gibt Wege, Protonenpumpeninhibitoren abzusetzen – gemeinsam mit der Ärztin oder dem Arzt.

PPI - Säureblocker - Wie wirken sie?

Protonenpumpenhemmer drosseln die Produktion von Magensäure. Die Protonenpumpe ist nichts anderes als ein Enzym in den Belegzellen der Magenschleimhaut. In den Belegzellen findet die Produktion von Salzsäure statt und die Protonenpumpe transportiert die Säure hinaus in den Magen. Wird die Protonenpumpe durch Medikamente gehindert die Säure in den Magen zu transportieren, sinkt dort der Gehalt an Säure.
PPi’s wirken also anders als Antazida, die die Magensäure direkt und vor allem sofort neutralisieren. Protonenpumpenhemmer werden erst im Darm resorbiert. Von dort gelangen sie mit dem Blutstrom in die Magenschleimhaut und damit auch in die Belegzellen und werden aktiv, indem sie die gebildete Säure blocken.
Alles was mit „Nachnamen“>>-prazol heißt, geht dieser Profession nach! Die Handelsnamen können jedoch ganz anders lauten, z.B. Nexium, Antra MUPS, Rifun, Lanzor u.s.w.

Die 9 wichtigsten Nebenwirkungen von PPI's

Wenn  wir einen Blick auf den Beipackzettel unseres Medikamentes zum Schutz unseres Magens werfen und nach der Liste der Nebenwirkungen suchen, werden wir feststellen, dass diese Liste vor allem eines ist, nämlich ziemlich lang. Viele dieser Nebenwirkungen sind selten, und viele Studien dazu zeigen einen Zusammenhang, aber keinen Beweis. Wer Säureblocker über Jahre nimmt, sollte sie trotzdem kennen. Und bei Krankheitsbildern wie etwa einem supragastrischen Aufstossen hilft der PPI nicht.


Nebenwirkung Nr.1 bei Säureblockern: Magen-Darm-Beschwerden

Säureblocker sollen Magen-Darm-Beschwerden lindern. Aber eine der meist verbreitetsten Nebenwirkungen dieser Medikamente sind Magenbeschwerden. Der Beipackzettel spricht lapidar von ‚gastrointestinalen Störungen‘. Da ist dann vielleicht das Sodbrennen fort und wird schnell ersetzt durch Blähungen, Magendrücken, Übelkeit, Geschmacksstörungen und oft auch Durchfall. 

Diskutiert wird außerdem ein erhöhtes Magenkrebsrisiko bei jahrelanger Einnahme. Die Studien dazu zeigen einen Zusammenhang, beweisen aber nicht, dass der Säureblocker die Ursache ist.

PPI-Nebenwirkung Nr.2: Die Infektionsgefahr für den Magen-Darmtrakt steigt

 Magensäure hat nicht nur die Aufgabe, die Eiweißverdauung möglich zu machen. Sie dient auch dazu, Bakterien und andere Krankheitserreger, die mit der Nahrung oder dem Wasser in den Magen gelangen, abzutöten. Wenn aber durch die Einnahme von PPI die Menge an Magensäure erheblich reduziert wird, funktioniert dieser Schutz nicht mehr ausreichend. Unter PPI kommt es deshalb häufiger zu Magen-Darm-Infektionen, etwa mit Salmonellen oder dem gefährlichen Darmkeim Clostridioides difficile. Auch ein etwas erhöhtes Risiko für Lungenentzündungen wird mit PPI in Verbindung gebracht.
Einige PPI’s erhöhen auch das Risiko eine Lungenentzündung zu bekommen.
Aber es kommt noch schlimmer: Das Risiko für eine Infektion mit dem Bakterium Helicobacter pylori steigt ebenfalls erheblich, denn der Keim kann sich in einem weniger sauren Magen besser vermehren. >>Aber werden nicht gerade bei der Bekämpfung von Infektionen mit dem Magenkeim Helicobacter pylori – PPI’s gemeinsam mit Antibiotika eingesetzt? << Wenn ihr das euren Gastroenterologen fragt, wird er sicher nicht so recht wissen, wie er das einem >Laien< erklären soll.

Nebenwirkung Nr.3: Unter Säureblockerbehandlung kommt es vermehrt zu Beschwerden durch Helicobacter pylori

Helicobacter pylori ist ein Keim, der im Magen lebt. Weltweit trägt ihn etwa jeder zweite Mensch, in Deutschland deutlich weniger. Die meisten merken nichts davon, er kann aber Magenschleimhautentzündungen und Magengeschwüre auslösen. 

Nehmen Menschen mit Helicobacter über lange Zeit Säureblocker, kann sich die Entzündung im Magen verlagern: vom unteren Magenteil in den Magenkörper, also dorthin, wo die Säure gebildet wird. Fachgesellschaften empfehlen deshalb, vor einer Langzeiteinnahme von PPI auf Helicobacter zu testen und ihn gegebenenfalls zu behandeln. Dass PPI auch zur Behandlung von Helicobacter eingesetzt werden, ist übrigens kein Widerspruch: Sie sorgen dafür, dass die Antibiotika im Magen besser wirken.

Je stärker die Magensäureproduktion, desto größer wird die benötigte Dosis an PPI und es entsteht ein Teufelskreis!

Nebenwirkung Nr.4 bei Einnahme von PPI's: Erkrankungen der Nieren

 Eine große Auswertung der Johns Hopkins University in Baltimore aus dem Jahr 2016 (Lazarus und Kollegen) fand in zwei Datenquellen ein höheres Risiko für chronische Nierenerkrankungen bei Menschen, die Säureblocker nehmen – bei zweimal täglicher Einnahme noch etwas höher. Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie: Sie zeigt einen Zusammenhang, beweist aber nicht, dass der Säureblocker die Ursache ist.

Nebenwirkung Nr.5 bei Säureblockern: veränderte Leberwerte

 Gelegentlich können Säureblocker die Leberwerte erhöhen, das steht auch im Beipackzettel. Wer PPI über lange Zeit nimmt, sollte die Leberwerte bei den regelmäßigen Kontrollen mit im Blick behalten.

Nebenwirkung Nr.6: Erhöhtes Knochenbruchrisiko

Bei langer und hochdosierter Einnahme von PPI zeigen Studien ein erhöhtes Risiko für Knochenbrüche, vor allem an Hüfte, Handgelenk und Wirbelsäule. Darauf weisen auch die Beipackzettel hin. Besonders wer bereits Osteoporose hat oder Kortison nimmt, sollte das mit der Ärztin oder dem Arzt besprechen. Auch bei Kindern, die im Säuglingsalter Säureblocker bekamen, fand eine große Studie später häufiger Knochenbrüche.

Nebenwirkung Nr.7: Säureblocker fördern das Entstehen von Nahrungsmittelallergien

Säureblocker hemmen die Magensäureproduktion, und damit steigt der pH-Wert im Magen. Eiweiße werden dann weniger gut vorverdaut. Studien deuten darauf hin, dass unvollständig verdaute Eiweiße das Immunsystem eher auf eine Allergie einstellen können. Bei Kindern, die im Säuglingsalter Säureblocker bekamen, traten Allergien später häufiger auf. Auch hier gilt: Das sind Zusammenhänge aus Beobachtungsstudien, keine Beweise.

PPI-Nebenwirkung Nr.8: Mineralstoffmangel

 Unter langer Einnahme von Säureblockern kann es zu einem Mangel an Magnesium kommen, der sich durch Muskelzuckungen, Krämpfe, Erschöpfung, Verwirrtheit und Schwindel zeigen kann. Darauf weisen auch die Beipackzettel hin. Auch die Aufnahme von Eisen, Calcium und Vitamin B12 kann beeinträchtigt sein, weil sie zum Teil auf Magensäure angewiesen ist.

Wer PPI über längere Zeit nimmt und unter Stillem Reflux leidet, kann seine Magnesium- und Eisenwerte bei der Ärztin oder dem Arzt kontrollieren lassen.

Nebenwirkung Nr.9 bei Säureblockern: Vitamin B -12-Mangel

PPI hemmen die Säurebildung im Magen. Die Säure wird aber gebraucht, um Vitamin B12 aus der Nahrung zu lösen, damit es mit Hilfe des Intrinsic-Factors aufgenommen werden kann. Bei jahrelanger Einnahme kann deshalb ein B12-Mangel entstehen. Er kann zu Müdigkeit, Schlafstörungen, Nervosität, Vergesslichkeit und Koordinationsstörungen führen. Außerdem steigt bei einem B12-Mangel der Homocysteinwert im Blut, und ein hoher Homocysteinwert gilt als Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Weitaus gefährlicher ist jedoch die Tatsache, das Vitamin-B-12-Mangel auch zu massiven Schäden am Herz-Kreislaufsystem führen kann.
Vitamin B-12, Vitamin B-6 und Folsäure sind maßgeblich am Abbau von Homocystein beteiligt. Homocystein entsteht bei der Verstoffwechselung von Eiweißen und wird bei gesunder Verdauung problemlos abgebaut.

Fehlt Vitamin B-12 steigt der Homocysteingehalt im Blut und mit diesem auch die Gefahr für eine Verkalkung der Blutgefäße. Findet diese Verkalkung im Gehirn statt, ist Demenz unter Umständen die Folge. Findet sie in der Netzhaut des Auges statt, hat dies Sehstörungen zur Folge, bei Verkalkung der Herzkranzgefäße einen Herzinfarkt.

Säureblocker produzierenbeim Absetzen genau das Problem, gegen das sie verschieben werden

Bereits 1996 berichteten Forscher aus Trondheim in Norwegen, dass der Magen nach dem Absetzen von PPI vorübergehend deutlich mehr Säure bilden kann. Neun Patienten mit Speiseröhrenentzündung hatten drei Monate täglich 40 mg Omeprazol genommen. Danach lag ihre Säureproduktion um etwa 50 % höher als vorher.

Im Jahr 2009 zeigten Forscher aus Kopenhagen, dass dieser Effekt sogar Gesunde trifft: 120 Teilnehmende ohne jede Magenbeschwerde nahmen acht Wochen einen Säureblocker oder ein Scheinmedikament. Nach dem Absetzen bekamen 44 % aus der Säureblocker-Gruppe Sodbrennen und andere Verdauungsbeschwerden, in der Placebo-Gruppe nur 15 %.

PPI's machen abhängig

Nicht im Sinne einer Sucht. Aber wer Säureblocker nach Wochen oder Monaten absetzt, hat oft vorübergehend mehr Beschwerden als vorher, den sogenannten Rebound-Effekt. Die Belegzellen haben sich an die Blockade angepasst und bilden für einige Wochen mehr Säure. Das ist ein Absetzeffekt und kein Beweis, dass man das Mittel braucht. Weil diese Zeit schwer durchzuhalten ist, greifen viele wieder zum Säureblocker – und bleiben so über Jahre dabei.

Wie kommt man nun von der PPI-Abhängigkeit los?

Setzt bitte euren Säureblocker nicht einfach abrupt ab! Wenn euch der Säureblocker vom Arzt verordnet worden ist, dann haltet bitte zunächst Rücksprache, redet über eure genaue Diagnose und auch über Alternativen zum Säureblocker. Schließlich ist euch der PPI ja gegen bestimmte Beschwerden verschrieben worden.

Ihr wollt den Reboundeffekt so gering wie möglich halten und und auch das ursächliche Problem aus der Welt schaffen? Gut, das erfordert nicht nur Geduld, ihr müsst auch bereit sein, die eigene Lebensweise und auch Ernährungsweise zu überdenken.

Säureblocker einzunehmen verführt in vielen Fällen dazu, weiterhin alles zu essen und zu trinken, Hauptsache es schmeckt und macht keine Probleme. Nicht jeder will wahrhaben, dass genau diese Ernährungsweise ein nicht zu unterschätzender Teil des Problems ist. So mancher nimmt dann eben die Nebenwirkungen des Säureblockerkonsums in Kauf.

Für alle anderen aber gilt:

Es braucht einen echten Break. Aber es lohnt sich.

Vor dem allmählichen Ausschleichen des Säureblockers sollte aber ein Arztbesuch stehen und vor allem eine gründliche Ursachenforschung! Ohne dass die Ursache der Beschwerden behoben wird, ist auf Dauer keine Normalisierung zu erwarten.

Besprecht euer Vorhaben mit eurem Arzt, redet über eventuell vorhandene Erkrankungen, die das Sodbrennen oder den Stillen Reflux verursachen, und versucht gemeinsam mit dem Arzt eine Lösung zu erarbeiten. Setzt den Säureblocker nie abrupt und nie ohne ärztliche Begleitung ab.

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Fazit

PPI’s sollten niemals leichtfertig mal eben so eingenommen werden, auch wenn man sie in niedriger Dosierung in der Apotheke frei kaufen kann. Sie sollten auch niemals einfach eine bequeme Lösung dafür sein, das wir uns ungesund ernähren und mit der Einnahme der PPI’s so weiter wirtschaften können, wie zuvor.
 Säureblocker gehören zu den meistverordneten Medikamenten überhaupt. Warum, wenn sie so viele mögliche Nebenwirkungen haben?
Die Antwort ist: 

Weder Patient noch Arzt nehmen die durchaus bedenklichen Nebenwirkungen wirklich ernst. Sie sind sehr subtil im Auftreten und werden nicht mit der Einnahme von Protonenpumpeninhibitoren in Verbindung gebracht.

    • Säureblocker werden häufig ohne klare Indikation weitergeführt. Ein im Krankenhaus begonnener „Magenschutz“ etwa läuft nach der Entlassung oft einfach weiter, ohne dass jemand prüft, ob er noch nötig ist.
    • Das wiederum führt auch dazu, das viele Patienten, die mit Säureblockern behandelt werden, gar keine eindeutige Diagnose haben und auch nicht das typische Beschwerdebild aufzeigen, das eine Behandlung mit PPI’s rechtfertigen würde.
    • Ja, es gibt sie, die Patienten mit der eindeutigen Diagnose, die Säureblocker einnehmen sollten. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn per Magenspiegelung eine Refluxösophagitis (Entzündung der Speiseröhre durch aufsteigende Magensäure) festgestellt wird. Bei schweren Formen kann auch eine längere Einnahme nötig sein. Leider werden PPI aber zu oft ohne Magenspiegelung und damit ohne eindeutige Diagnose verordnet.
      Hinzu kommen die Fälle, in denen PPI vorbeugend verordnet werden, etwa bei dauerhafter Einnahme von Schmerzmitteln wie Ibuprofen oder Diclofenac oder von ASS zur Herzinfarkt- und Schlaganfallvorbeugung. Bei Menschen mit erhöhtem Risiko für Magenblutungen ist dieser Magenschutz berechtigt. Er sollte aber regelmäßig überprüft werden. 

Hallo, ich bin Andy

Ich bin Andrea Kuhl, Medizinjournalistin und Beraterin für Stillen Reflux - studiert habe ich Journalismus und Geologie, nicht Medizin. Seit fast 17 Jahren arbeite ich zu einem einzigen Thema: Stiller Reflux, überwiegend anhand englischsprachiger Fachliteratur, weil er dort seit den neunziger Jahren als eigenständiges Krankheitsbild erforscht wird. Von mir stammt das Buch: "Stiller Reflux-Kompass"



Quellen

 

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  • Poulsen,A.H., et al. „Proton pump inhibitors and risk of gastric cancer: a populationbased cohort study.“ British journal of Cancer 100.9 (2009): 1503-1507. (PPI und das Magenkrebsrisiko: ein bevölkerungsbezogene Kohortenstudie)

auch interessant:

https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/daz-az/2018/daz-12-2018/ppi-bereicherung-oder-gefahr