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Weizensensitivität - die Cousine der Zöliakie?

Einführung

Weizensensitivität hat viele Namen und viele Gesichter. Manche bezeichnen sie als Glutenintoleranz oder auch Nichtzöliakie-Nichtweizenallergie-Weizensensitivität, wie die Mediziner es tun, andere glauben nicht, das es sich um ein eigenständiges Krankheitsbild handelt. Wer nach dem Verzehr von Brot und anderen Getreideprodukten Beschwerden hat, glaubt oft, er leide an Zöliakie oder einer Weizenallergie. Aber die Weizensensitivität ist eine noch wenig erforschte Erkrankung. Es wird geschätzt, das 5-7% der europäischen Bevölkerung unter dieser Störung leiden. Andere Studien liegen bei einem Anteil von bis zu 20%.

Weizensensitivität
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Was versteht man unter Weizensensitivität?

Schon seit mehr als 10 Jahren steigt die Zahl derer, die auf Weizen verzichtet. Die Ernährungsgewohnheiten ändern sich und auch die Öffentlichkeit ist sensibilisiert. Auch die Diagnosemethoden werden verfeinert.

Die Weizensensitivität hat ähnliche Symptome, wie die Zöliakie aber die Auswirkungen der Erkrankung sind weniger schwer als bei Zöliakie. Die Zotten der Dünndarmschleimhaut sind nicht geschädigt, der dortige Kahlschlag bleibt ebenso aus wie der Nachweis von Autoantikörpern, Anti-Gewebetransglutaminasen und sogenannten Autoimmun-Komorbiditäten (andere Autoimmunkrankheiten, die oft im Zusammenhang mit Zöliakie auftreten).

Die beste Nachricht hierbei ist aber vor allem, das die Weizensensitivität sich langfristig zurück bilden kann! Bei Einhaltung einer Weizen-und Glutenfreien Diät über ein bis zwei Jahre haben Betroffene gute Chancen, das sich ihr Darm erholt hat und nun wieder kleinere Mengen Weizen vertragen kann.

Was sind die Verursacher einer Weizensensivität?

Verursacht werden die Beschwerden durch eine Immunreaktion auf bestimmte Weizenbestandteile. Aber, anders als bei Zöliakie steht hier nicht Gluten auf der Liste der Verdächtigen sondern sogennate ATIs (Amylase-Trypsin-Inhibitoren). Diese Eiweiße kommen genau wie Gluten in Weizen und anderen Getreidesorten vor. Das ist der Grund, weshalb glutenfrei auch in diesem Falle hilft.

ATIs kommen häufig gemeinsam mit den Glutenproteinen Gliadin und Glutenin vor. Sie haben innerhalb des Getreidekornes wichtige Aufgaben wie die Hemmung des Eiweißabbaus und die Abwehr von Parasiten. Leider sind ATIs aber sehr schwer verdauliche Proteine. Sie können unter anderem Allergien auslösen und das sogenannte Bäckerasthma hervorrufen. ATIs aktivieren bestimmte Zellen des angeborenen Immunsystems und der Körper produziert Entzündungsstoffe, die dann Beschwerden verursachen.

ATIs, chronische Entzündungen und Autoimmunerkrankungen

Weizensensivität scheint besonders gefährlich für Menschen mit existierenden chronischen Entzündungen und sogenannten Autoimmunerkrankungen zu sein. In Tierexperimenten haben ATIs die angeborene Immunreaktion in beiden Fällen noch zusätzlich verstärkt, die in solchen Fällen ja eigentlich eingedämmt werden sollte. Es mehren sich auch Hinweise darauf, das sich die Symptome von Erkrankungen wie multiple Sklerose oder den chronisch entzündlichen Darmerkrankungen wie zum Beispiel Colitis ulcerosa oder Morbus Crohn durch ATIs verstärken könnten.

Symptome

Es kommt bei der Weizensensivität zu den von der Zöliakie bekannten Symptomen im Verdauungstrakt: 

  • Blähungen
  • Durchfall
  • Bauchschmerzen
  • Erbrechen

Aber auch außerhalb des Verdauungstraktes kommt es zu Symptomen wie:

  • Kopfschmerzen
  • Benommenheit
  • Müdigkeit
  • Gelenk-und Muskelschmerzen
  • Anämie
  • depressive Verstimmung
  • Hautveränderungen

Die Beschwerden beginnen meist rasch nach der Aufnahme weizenhaltiger Nahrung. Bei glutenfreier Ernährung verschwinden sie allerdings auch innerhalb weniger Tage wieder. Die Störung wird oft in Eigendiagnose ermittelt, deshalb gibt es keine belastbaren Angaben zu ihrer Häufigkeit. Frauen scheinen etwas häufiger betroffen zu sein als Männer und der Anteil an Reizdarmpatienten unter den Betroffenen liegt bei etwa 30%.

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Diagnose der Weizensentivität

Über die erst seit den achtziger Jahren bekannte Weizensensitivität ist noch nicht alles bekannt. Die Diagnose wird nach dem Ausschlußverfahren gestellt. Dadurch wird die Diagnosefindung sehr aufwendig. Zunächst müssen Zöliakie, Weizenallergie und andere Nahrungsmittelallergien und auch Intoleranzen ausgeschlossen werden.  Das bedeutet, das Bluttests, Alergietests, eine Dünndarmbiopsie um Zöliakie auszuschließen sowie diverse H²-Atemtests durchgeführt werden müssen, welche dann andere Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten ausschließen. 

Danach erfolgt eine strikt glutenfrei Diät, eine sogenannte Eliminationsdiät. Wenn nach dieser Diät eine deutliche Besserung der Symptome zu verzeichnen ist, kann man von einer Weizensensivität ausgehen.

Will der Betroffene ganz sicher gehen, so wird in seltenen Fällen unter ärztlicher Aufsicht ein sogenannter Belastungstest durchgeführt. Dabei erhält der potentiell Betroffene stark glutenhaltige Nahrungsmittel. Dies ist aber nur in ganz seltenen Fällen nötig.

In den letzten Jahren wird in der Forschung an einem Serumtest gearbeitet, der den Nachweis einer Weizensensibilität wesentlich vereinfachen würde.

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Behandlung der Weizensensitivität

Die Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie empfiehlt Menschen mit Weizensensitivität das Einhalten einer glutenfreien Diät. Denn Gluten und ATIs sind in den gleichen Produkten zu finden.

Aber es ist durchaus sinnvoll eine komplette Diagnostik zu durchlaufen, also genau zu wissen, ob man unter einer Zöliakie, einer Weizenallergie oder einer Weizensensitivität leidet, denn die Empfehlungen zur Diät unterscheiden sich in diesen Fällen beträchtlich. Zum Einen verschwinden die lästigen Beschwerden bei Weizensensitivität bereits wenn man etwa 90% aller glutenhaltigen Lebensmittel durch glutenfreie austauscht, zum anderen ist es durchaus möglich ,das eine Weizensensitivität nach etwa 1 bis 2 Jahren glutenfreier Diät wieder verschwindet und man dann zumindest kleinere Mengen Gluten-und ATI-haltige Produkte verträgt.

Immer wieder kommt es vor, das Betroffene von Weizensensitivität auch bei Einhalten einer glutenfreien Diät nicht ganz beschwerdefrei werden. Oft wird dann an der Diagnose gezweifelt. Aber es gibt auch noch andere Verdächtige, die hier Probleme machen könnten. Bei etwa 20% der von Weizensensitivität Betroffenen, die mit glutenfreier Ernährung sehr viel weniger Beschwerden haben, ist es möglich das sie zusätzlich an einer Unverträglichkeit sogenannter FODMAPs (vermentierbare Oligo-,Di- und Monosaccharide und Polyole) leiden. Das sind Kohlenhydrate, also Zucker, die in Hülsenfrüchten, bestimmten Obst-, Getreide- und Gemüsearten vorkommen. Auch diese kommen natürlich in Weizen vor.

Fazit

Noch gibt es viele Unklarheiten um das noch junge Krankheitsbild Weizensensitivität. Das veranlasst viele Kritiker, daran zu zweifeln, das es diese Empfindlichkeit überhaupt gibt. Mittlerweile ist das Krankheitsbild an sich aber bereits durch mehrere Studien belegt. Fehlende konkrete Nachweismethoden und die aufwändige Diagnostik jedoch, lassen viele Menschen vor einem Arztbesuch zurückschrecken. Außerdem weiß niemand, ob moderner Hochleistungsweizen, der bekanntlich voller ATIs steckt und auch die enorm verkürzten Gehzeiten von industriell hergestellter Backwaren das ihre zur Vermehrung der Beschwerden in der Bevölkerung getan haben. Gerade ATIs werden durch längere Gehzeiten des Backwerks erheblich abgebaut. 

Quellen

  • S2k-Leitlinie Zöliakie der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselerkrankungen (DGVS) und der Deutscen Zöliakie-Gesellschaft (DZG)
  • Catassi C et al., Non-Celiac Gluten Sensitivity: The New Frontier of Gluten related disorders. Nutrients 2013: 5: 3839-3853
  • Biesiekirski JR et al, Gluten causes gastroinestinal symptoms in subjects without celiac disease. AM J Gastroenterol 2011, 106: 508-514
  • Sapone A et al., Spectrum of gluten-related disorders: Consensus on new nomenclature and classification. BMC Med 2012, 10:13
Über die Autorin
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Andrea Barbara Kuhl arbeitet als Medizinjournalistin und Autorin. Sie ist die Gründerin und Chefredakteurin von Magenkompass. Nach Abschluss eines naturwissenschaftlichen Studiums mit Diplom begann sie sich für Medizinjournalismus zu interessieren und machte ihn zu ihrem Beruf. Als Betroffene von Magen-Darm-Erkrankungen weiß sie, worüber sie schreibt.

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