
Einleitung
Brennen im Mund. Kribbeln auf der Zunge. Ein metallischer Geschmack, der einfach nicht verschwindet. Und ein Arzt nach dem anderen, der nichts findet – und irgendwann das Wort "Stress" in den Raum wirft.
Das Burning-Mouth-Syndrom ist eine der am häufigsten missverstandenen Diagnosen im Bereich der Mundgesundheit. Viele Betroffene warten Jahre auf eine Erklärung. Was dabei in erstaunlich vielen Fällen übersehen wird: ein enger Zusammenhang mit Stillem Reflux – auch bekannt als Laryngopharyngealer Reflux (LPR).
Neue Studien zeigen: Bei 50 bis 94 Prozent der Patienten mit Burning-Mouth-Syndrom lässt sich Laryngopharyngealer Reflux nachweisen. Das ist ein Befund, der die Diagnostik und Behandlung grundlegend verändern müsste – in der Praxis aber noch kaum angekommen ist.
In diesem Artikel erkläre ich, was das Burning-Mouth-Syndrom ist, wie es mit Stillem Reflux zusammenhängt, warum dieser Zusammenhang so häufig übersehen wird – und was du konkret tun kannst.
Was genau ist das Burning-Mouth-Syndrom
Das Burning-Mouth-Syndrom (BMS) – auch Zungenbrennen, Stomatopyrosis oder orofaziales Schmerzsyndrom genannt – ist ein chronisches Schmerzsyndrom der Mundschleimhaut. Betroffene beschreiben:
• Brennen oder Stechen auf der Zunge, den Lippen, dem Gaumen oder der Wangenschleimhaut
• Kribbeln oder Taubheitsgefühle im Mundbereich
• Metallischen oder bitteren Geschmack
• Mundtrockenheit
• Mundgeruch ohne nachweisbare Ursache
Wichtig für die Diagnose: Das BMS darf per Definition keine sichtbaren Veränderungen der Schleimhaut verursachen. Es muss täglich auftreten und seit mindestens vier bis sechs Monaten bestehen.
Primäres und sekundäres BMS
• Primäres BMS: Keine organisch erklärbare Ursache. Wird in Fachbüchern häufig mit psychischen Erkrankungen assoziiert.
• Sekundäres BMS: Ausgelöst durch eine zugrundeliegende Erkrankung – z. B. Stiller Reflux, Nährstoffmängel, Medikamente oder Pilzinfektionen.
Das Problem: In vielen Praxen wird die Differenzierung nicht sorgfältig genug vorgenommen. Wer mit Mundbrennen kommt und keinen offensichtlichen Befund hat, landet schnell in der Psycho-Schublade – ohne dass Stiller Reflux überhaupt untersucht wurde.
Doch die Ursachen von Stillem Reflux sind vielfältig:
https://magenkompass.de/stiller-reflux-die-ursachen/
Die Kausalkette: Magensäuremangel – Stiller Reflux – Mundbrennen
In meiner Arbeit sehe ich bei Mundbrennen ein klares Muster. Die Betroffenen standen schon Monate bis Jahre vor den ersten Beschwerden unter großem und vor allem dauerhaftem Stress. Das passt zu dem, was die Forschung über Mundbrennen weiß: Belastende Lebensphasen gehen den Beschwerden häufig voraus oder verstärken sie.
So lässt sich der Weg vom Stress zum Brennen erklären:
- Dauerstress bremst die Verdauung. Dein Nervensystem bleibt im Alarmmodus, und Verdauung hat in diesem Modus keinen Vorrang. Der Magen arbeitet gedrosselt und bildet weniger Magensäure. (plausibel)
- Der Magen bleibt länger voll. Was langsamer verdaut wird, dehnt den Magen länger. Dehnung ist der Auslöser für den Reflex, mit dem sich der Verschluss zwischen Magen und Speiseröhre öffnet, derselbe Reflex wie beim Aufstoßen. Dabei kann Mageninhalt mit aufsteigen, oft mit Luft und Schaum vermischt, bis in Rachen und Mund. (plausibel)
- Pepsin wirkt auch bei wenig Säure. Das Verdauungsenzym Pepsin heftet sich an die Schleimhaut und bleibt dort, auch wenn der Reflux vorbei ist. Es braucht keine starke Säure, um aktiv zu werden. Schon schwach saure Lebensmittel und Getränke reichen. Deshalb kann das Brennen anhalten, ohne dass gerade Reflux stattfindet.
- Weniger Säure heißt weniger Nährstoffe. Magensäure braucht der Körper, um Vitamin B12, Eisen und Zink aus der Nahrung zu lösen. Fehlt sie, fehlen diese Nährstoffe auf Dauer auch der Schleimhaut und den Nerven. Ein Mangel an B12, Eisen oder Zink kann Mundbrennen selbst auslösen.
- Stress trifft auch die Nerven direkt. Bei vielen Betroffenen sind die feinen Nervenfasern in der Zunge messbar verändert, in Gewebeproben war ihre Dichte um 30 bis 60 Prozent verringert. Dauerhaft erhöhte Stresshormone gelten als ein möglicher Mitauslöser. (plausibel) Das ist eine Veränderung im Gewebe und nichts, was man sich einbildet.
Was die Studien zeigen: In einer Studie mit 81 Menschen mit Zungenbrennen ließ sich bei 76 Reflux bis in den Rachen messen, Pepsin war bei fast neun von zehn Untersuchten im Speichel nachweisbar. Eine Vergleichsgruppe gab es nicht. Der Zusammenhang ist gut begründet, aber noch nicht in jedem Schritt bewiesen.
Was das für dich heißt: Mundbrennen ist selten ein einzelnes Problem. Es ist das Ende einer Kette, die oft im Nervensystem beginnt. Deshalb hilft selten ein einzelnes Mittel, und deshalb gehört die Arbeit am Nervensystem zur Behandlung dazu.

Die Rolle des Nervensystems: Vagusnerv und autonome Dysregulation
Ein Aspekt, der in der klassischen BMS-Literatur kaum vorkommt, gewinnt in der aktuellen Forschung an Bedeutung: die Verbindung zwischen Stillem Reflux und dem autonomen Nervensystem.
Der Vagusnerv steuert unter anderem:
• die Funktion des unteren und oberen Speiseröhrenschließmuskels
• die Magenmotorik und Säureproduktion
• Entzündungsregulation in Schleimhäuten
• die Stressreaktivität des gesamten Verdauungstrakts
Was die Forschung zeigt: Erhöhte Sympathikusaktivität – dauerhaft erhöhtes Stresslevel – korreliert signifikant mit stärkeren LPR-Symptomen. Ein dauerhaft niedriger Vagustonus bremst die Verdauung und verändert die Reflexe, die den Verschluss zwischen Magen und Speiseröhre steuern.Das ist keine Psychologisierung – das ist Neurophysiologie.
Interventionen, die den Parasympathikus aktivieren, sind deshalb kein Luxus, sondern Teil einer vollständigen Behandlung.
Weitere Ursachen des Burning-Mouth-Syndroms
Stiller Reflux ist eine der häufigsten und am meisten übersehenen Ursachen – aber nicht die einzige.
Erkrankungen und Systemerkrankungen
• Plummer-Vinson-Syndrom (Schleimhautaustrocknung von Mund bis Magen)
• Eisenmangelanämie
• Diabetes mellitus (begünstigt Pilzbefall)
• Sjögren-Syndrom (Autoimmunerkrankung mit Mundtrockenheit)
• Lichen ruber planus (Schleimhautbefall vor sichtbaren Symptomen möglich)
• HIV (Frühstadium)
Medikamente
ACE-Hemmer, Betablocker, Antidepressiva, Antihistaminika, Antiparkinson-Mittel, Diuretika, Zytostatika – viele Langzeitmedikamente verursachen Mundtrockenheit und können so zum BMS führen. Das bitte gezielt mit dem behandelnden Arzt besprechen.
Unverträglichkeiten und lokale Faktoren
• Schlecht sitzende Zahnprothesen oder Zungenpiercings
• Amalgamfüllungen oder elektrogalvanische Spannungsdifferenzen
• Allergien auf Konservierungsstoffe oder Lebensmittelfarben
Psychische Ursachen
Angststörungen und Depressionen können über Mundtrockenheit zum BMS beitragen. Das ist real. Es bedeutet aber nicht, dass dieser Befund die Diagnostik nach körperlichen Ursachen ersetzen darf. Beide Ebenen können gleichzeitig vorliegen.
Oft tritt das Burning-Mouth-Syndrom auch im zusammenhang mit einem allgemeinen Entzündungsgeschehen auf.
Näheres dazu erfährst du in folgenden Artikeln:
https://magenkompass.de/stille-entzuendungen-lassen-stillen-reflux-entstehen/
https://magenkompass.de/post-nasal-drip-syndrom-und-stiller-reflux/
https://magenkompass.de/stiller-reflux-die-ursachen/
Aber auch Dinge wie Kieferfehlstellungen, verspannte Halsmuskeln und Probleme mit dem Vagusnerv und der Schmerzwahrnehmung können hier eine Rolle spielen:
https://magenkompass.de/kieferfehlstellung-und-stiller-reflux/
https://magenkompass.de/stiller-reflux-und-verspannte-halsmuskeln/
https://magenkompass.de/stiller-reflux-und-dorsaler-vagus/
https://magenkompass.de/das-schmerzraetsel-bei-stillem-reflux/
Was kannst du tun? Behandlungsansätze bei BMS durch Stillen Reflux
Diese Empfehlungen ersetzen keine ärztliche Diagnose – aber sie können ein erster sinnvoller Schritt sein.
1. Ernährung
• Keine sauren Lebensmittel: Zitrusfrüchte, Essig, Sauerkraut, Kiwi, saure Äpfel
• Keine scharfen Gewürze, kein Alkohol, keine Kohlensäure
• Keine zu heißen Speisen und Getränke
• Zu den Mahlzeiten: stilles Wasser oder Leinsamenaufguss (schleimhautschützend)
• Zähne nach jeder Mahlzeit putzen, Zahnpasta gut ausspülen
2. Entzündungshemmende Mundspülung
Rezept: Mundspülung (Zutaten in jeder Apotheke erhältlich)
100 ml physiologische Kochsalzlösung
300 mg Natriumbicarbonat (NaHCO3) – puffert Säure im Mund
10 Tropfen A-Mulsin forte – Vitamin A unterstützt Schleimhautregeneration
Mehrfach täglich zwischen den Mahlzeiten anwenden
3. Nährstoffmängel labordiagnostisch abklären
• Vitamin B12 (inklusive Holo-Transcobalamin)
• Zink
• Eisen und Ferritin
• Folsäure
• Gastrin-17 als indirekter Marker für Magensäureproduktion
Ergänzend: Pepsin-Test im Speichel – nicht invasiv, kann LPR als Ursache bestätigen oder ausschließen.
4. Das Nervensystem regulieren
• Tiefes Bauchatmen (4 Sekunden ein, 6 Sekunden aus)
• Summen, Singen oder Gurgeln aktivieren den Vagusnerv direkt
• Kältereize im Nacken- und Halsbereich
• Regelmäßige Entspannungsrituale – als Neurophysiologie, nicht als Psychotherapie
5. Medikamente überprüfen
Gemeinsam mit dem Arzt prüfen, ob dauerhaft eingenommene Medikamente Mundtrockenheit als Nebenwirkung haben. Bitte nie eigenständig absetzen – aber das Gespräch suchen.
Das Arztgespräch: Worauf du achten solltest
Das BMS ist offiziell eine Ausschlussdiagnose. Dein Arzt muss alle anderen Ursachen ausschließen, bevor er diese Diagnose stellen darf – inklusive Stiller Reflux. Konkret kannst du fragen:
• Wurde Laryngopharyngealer Reflux (LPR) als Ursache ausgeschlossen?
• Kann ein Pepsin-Test im Speichel gemacht werden?
• Wurden meine Werte für B12, Zink, Eisen, Ferritin und Gastrin-17 geprüft?
• Gibt es Hinweise auf Magensäuremangel?
Niemand muss mit unvollständiger Diagnostik zufrieden sein. Du darfst sagen: Ich möchte, dass wir zuerst alle organischen Ursachen ausschließen.
Fazit
Das Burning-Mouth-Syndrom ist in vielen Fällen kein psychosomatisches Mysterium. Neue Studien zeigen mit zunehmender Klarheit, dass Laryngopharyngealer Reflux bei einem Großteil der Betroffenen eine zentrale Rolle spielt.
Am Anfang steht oft Dauerstress. Er bremst die Verdauung und damit auch die Magensäure, der Magen bleibt länger voll, und der Reflex, der ihn entlastet, bringt Pepsin bis in den Mund. Gleichzeitig fehlen Nährstoffe, die Schleimhaut und Nerven brauchen, und die feinen Nervenfasern reagieren empfindlicher. Mundbrennen ist damit selten nur ein Mundproblem.
Das alles ist behandelbar – nicht mit einer Pille, aber mit einem konsequenten Ansatz aus Ernährung, Nährstoffversorgung, Nervensystemarbeit und gezielter Diagnostik.
Wenn du Mundbrennen hast und keine Antworten: Bring das Thema Stiller Reflux in dein nächstes Arztgespräch. Du bist mit diesem Symptom nicht allein.

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Hier findet ihr weitere Artikel zu Stillem Reflux und der Magensäure-Problematik, die von hier aus weiterführen:
https://magenkompass.de/diagnose-stiller-reflux-warum-sie-so-schwierig-ist/
https://magenkompass.de/stiller-reflux-die-ursachen/
https://magenkompass.de/post-nasal-drip-syndrom-und-stiller-reflux/
https://magenkompass.de/vagusnerv-stiller-reflux-und-zu-wenig-magensaeure/
https://magenkompass.de/die-magensaeure-verwirrung/
https://magenkompass.de/das-magensaeure-dilemma/
Quellen
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Sardella A, Lodi G, Demarosi F, et al. Burning mouth syndrome: a retrospective study investigating spontaneous remission and response to treatments. Oral Dis 2006; 12: 152-5. pmid:16476036
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Das ist der Link zur Patienteninformation https://deximed.de/home/klinische-themen/hals-nase-ohren/patienteninformationen/mundhoehle/burning-mouth-syndrom/?rel=copylink
Lechien JR, et al. Prevalence and Features of Laryngopharyngeal Reflux in Patients with Primary Burning Mouth Syndrome. The Laryngoscope. 2021;131(11):E2627-E2633.
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- Kouri M, Adamo D, Vardas E, et al. Small Fiber Neuropathy in Burning Mouth Syndrome: A Systematic Review. Int J Mol Sci. 2024;25(21):11442. PMID: 39518993. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/39518993/
- Imamura Y, Shinozaki T, et al. An updated review on pathophysiology and management of burning mouth syndrome with endocrinological, psychological and neuropathic perspectives. J Oral Rehabil. 2019;46(6):574–587. PMID: 30892737. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30892737/
- Jääskeläinen SK. Is burning mouth syndrome a neuropathic pain condition? Pain. PMID: 29257770. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29257770/
- Beim vorhandenen Eintrag Lechien JR et al. (Laryngoscope 2021) ergänzen: PMID: 34009647. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34009647/
Hallo, ich bin Andrea
Ich bin Andrea Kuhl, Medizinjournalistin und Beraterin für Stillen Reflux - studiert habe ich Journalismus und Geologie, nicht Medizin. Seit fast 17 Jahren arbeite ich zu einem einzigen Thema: Stiller Reflux, überwiegend anhand englischsprachiger Fachliteratur, weil er dort seit den neunziger Jahren als eigenständiges Krankheitsbild erforscht wird. Von mir stammt das Buch: "Stiller Reflux-Kompass"


