Stiller Reflux - Ein neues Krankheitsbild?

Frau mit stillem Reflux
Stiller Reflux: Wenn Magensäure und Pepsin bis in die Atemwege aufsteigen

Magensäure in der Speiseröhre? Aber Sodbrennen habt ihr keines? Das klingt zunächst abwegig – ist es aber gar nicht. Viele Menschen leiden unter stillem Reflux, meist ohne es überhaupt zu wissen. Wie aber kann man die Erkrankung erkennen? Welche Symptome führen auf die richtige Spur?

Überblick:

Inhalt

Wie erkennt man stillen Reflux - die Symptome

Bei stillem Reflux gelangt Mageninhalt ähnlich wie bei klassischem Sodbrennen aus unterschiedlichen Gründen in die Speiseröhre und von dort unter Umständen auch weiter in die Lunge, den Hals, den Kehlkopf und die Nasennebenhöhlen und die Ohren. Das klingt unglaublich? Ist es aber nicht, denn anders als beim klassischen Reflux, gelangt das Gemisch aus Magensäure und Pepsin nicht nur im flüssigen Aggregatzustand aus dem Magen nach oben sondern steigt auch gasförmig auf. Um aber in den Rachen, die Nasennebenhöhlen den Kehlkopf und die Ohren zu gelangen, muss auch der obere Speiseröhrenschließmuskel in seiner Funktion gestört sein, anders als beim klassischen Reflux oder der Refluxkrankheit, wo nur eine Störung des unteren Schließmuskels der Speiseröhre, der sogenannten Cardia, vorliegt. So ist es dann kein Problem mehr, auf die empfindlichen Schleimhäute in Rachen, Nase, Ohr und Kehlkopf einzuwirken. Anders als beim klassischen Reflux mit Sodbrennen ist es beim stillen Reflux auch nicht vordergründig die Magensäure, die die Schäden in den Schleimhäuten der Atemwege anrichtet, sondern das Pepsin.

Durch folgende Beschwerden macht sich der stille Reflux bemerkbar:

Ihr habt immer mal wieder Halsschmerzen, die am nächsten Tag wieder verflogen sind, es wird keine echte Erkältung mit Schnupfen und Fieber daraus?

  • Ihr seid zeitweise ein wenig heiser, aber auch das verschwindet dann einfach wieder?
  • Besonders morgens leidet ihr manchmal unter Hustenreiz?
  • Manchmal ist euch ein bisschen übel, aber ihr wisst einfach nicht, woran das liegt?
  • Dann gibt es Tage, da bekommt ihr das Essen einfach nicht
    heruntergeschluckt ?
  • Ihr müsst euch in letzter Zeit oft räuspern, denn irgendwie ist im Hals alles belegt?
  • Euer Kehlkopf war in letzter Zeit öfter entzündet? Das Sprechen macht Probleme?
  • Eure Nasennebenhöhlen sind oft verstopft und entzündet?
  • Manchmal habt ihr auch Ohrenschmerzen?
  • >>In schweren Fällen von stillem Reflux entwickelt sich sogar ein Asthma!             Die Ärzte diagnostizieren dann >>Refluxasthma<<
  • Auch eine Lungenentzündung ist nicht ausgeschlossen, besonders bei älteren Patienten!
  • Auch ein Kloßgefühl im Hals (Globus Syndrom) kann auf stillen Reflux hinweisen, denn durch die Pepsine in unseren Schleimhäuten kommt es dort zu Entzündungen, die wiederum Schwellungen hervorrufen können.

Wenn ihr solche Symptome öfter bei euch beobachtet und ihr schon einmal Probleme mit Sodbrennen hattet und sie sich womöglich besonders morgens nach dem Aufstehen oder gar nachts verschlimmern, solltet ihr nicht lange zögern, zum Arzt zu gehen. Bitte weist ausdrücklich darauf hin, das sich die Symptome besonders nachts oder in den Morgenstunden zeigen! Wichtig ist auch, ob eine Neigung zu Reflux bei euch in der Familie liegt. Der Arzt kann durch verschiedene Untersuchungen feststellen, ob es sich bei euch um stillen Reflux handelt oder ob andere Ursachen dahinter stecken.

Reflux - komplementär behandelt
Was kann man tun, um den Reflux in den Griff zu bekommen? komplementäre Ansätze zur Refluxbehandlung

Diagnose

Die Diagnose von stillem Reflux ist schwierig. Die meisten Patienten gehen mit Beschwerden zum Arzt, die oberflächlich betrachtet nichts mit aufsteigender Magensäure zu tun haben. Oft sind es wiederkehrende Atemwegsinfekte und Husten, die zum Arzt führen. Hier ist das Arzt-Patientengespräch von ausschlaggebender Bedeutung! Doch es kommt in unserer schnelllebigen Zeit oft zu kurz. Der Arzt sollte die mögliche Diagnose “stiller Reflux” unbedingt im Hinterkopf haben. Gerade das Erfragen von Problemen mit Sodbrennen in der Vergangenheit, einer familiären Häufung von Reflux oder der Einnahme von Medikamenten, die Reflux begünstigen, können entscheidende Hinweise liefern.

Langsam wächst in den letzten Jahren das Bewusstsein für die Existenz des stillen Refluxes und auch die Folgen des Wirkens eines Gasgemisches aus Salzsäure und Pepsin auf die empfindlichen Schleimhäute in den oberen Atemwegen werden immer öfter erkannt: Mehrere Studien belegen inzwischen das stiller Reflux die Ursache für eine chronische Bronchitis sein kann oder sogar für Asthma.

Diagnosesicherung

In vielen Fällen wird stiller Reflux aber erst, wenn der Arzt eine Spiegelung der Speiseröhre anordnet, erkannt. Manchmal wird dies aus Gründen der Vorsorge getan oder weil der Verdacht auf eine andere Erkrankung des Magen-Darm-Traktes besteht. Hier werden dann oft Schäden an den Schleimhäuten der Speiseröhre entdeckt. Um stillen Reflux eindeutig nachzuweisen wird in den meisten Fällen eine pH-Metrie durchgeführt. Dabei schiebt der Arzt eine Sonde durch die Nase in den Rachen und manchmal auch in die Speiseröhre. Dort verbleibt die Sonde meist 24 Stunden oder auch länger und misst den PH-Wert. Sinken dann die Werte länger und öfters unter den Wert von 4, gilt der stille Reflux als erwiesen.

Behandlung

Der stille Reflux wird bisher meist genau wie der ‘gewöhnliche Reflux’ mit PPI’s behandelt. PPI’s sind hochwirksame Medikamente, es handelt sich um Protonenpumpeninhibitoren oder auch Säureblocker. Sie verhindern, das die Belegzellen im Magen Säure produzieren. Damit wird bei der Refluxkrankheit, dem Übertreten von Mageninhalt in die Speiseröhre, verhindert, das die Schleimhaut der Speiseröhre durch die Säure geschädigt wird.
Allerdings enthält der Speisebrei, der da aufsteigt nicht nur Magensäure. Unser Magen ist unter anderem für die Eiweißverdauung zuständig. Dazu braucht er ein Enzym namens Pepsinogen. Dieses Enzym wird durch Magensäure aktiviert und in Pepsin umgewandelt. Es ist also immer auch Pepsin im aufsteigenden Nahrungsbrei enthalten. Und genau hier liegt das Problem bei stillem Reflux. Gegen Pepsin sind PPI’s machtlos. Sie können nur verhindern, das sich Säure bildet. Ja, natürlich bildet sich weniger Pepsin aus Pepsinogen weil weniger Säure da ist, um es zu aktivieren. Es werden oft recht hohe Dosen von Säureblockern gebraucht, um die Produktion von Pepsin auszubremsen und auch das funktioniert nicht in jedem Fall. Aber leider reicht das meist nicht aus, um das Pepsin gänzlich unschädlich zu machen. Im übrigen käme so auch fast unsere gesamte Verdauung im Magen zum Erliegen.
So kommt es bei stillem Reflux dazu, dass die Pepsine erheblichen Schaden anrichten, wenn sie sich in den Schleimhäuten festsetzen. Dort werden sie immer wieder aktiviert, wenn saure Nahrung oder Getränke die Speiseröhre passieren. Ein bisschen ist es dann also so, als würden wir uns selbst verdauen.
Neuere Studien belegen, das die Behandlung von stillem Reflux mit PPI’s nicht wirksamer ist als die Gabe von Placebos. 
Was geschieht aber nun, wenn Pepsine unsere Schleimhäute ‘verdauen’?
Es entstehen Entzündungen im Gewebe. Das erklärt die Symptome außerhalb des Verdauungstraktes.
Leider gibt es kein wirklich wirksames Mittel gegen die Wirkung der Pepsine.
Einziger Lichtblick: >>Ernährungsumstellung!<< 

Ernährung bei stillem Reflux

Niemand der seinen stillen Reflux effektiv behandeln will, kommt um eine Ernährungsumstellung herum.
Das ist kein besonders beliebter Satz, aber er ist nur zu wahr! Hier findet ihr ein paar Hinweise, die euch bei eurem Ernährungsplan helfen können: 

das solltet ihr weglassen:  

  • Weißbrot, Laugengebäck, sehr grobes Vollkornbrot, Schokolade
  • kohlensäurehaltige Getränke, Fruchtsäfte, Softdrinks und Limonaden
  • Nikotin, Koffein, Alkohol
  • Kartoffelpuffer, Kroketten, Pommes
  • Kartoffelsalat mit Mayonnaise
  • Ananas, Grapefruit, Kiwi, Mandarine, Orange, Nektarine, Sauerkirsche, Zitrone, Beeren nur bei Verträglichkeit
  • Avocado, Knoblauch, Lauch, Meerrettich, Rotkraut, Sauerkraut, Paprika, Pilze und Zwiebeln
  • große Mengen an Koch-und Streichfett, Mayonaise, fette Brühe
  • Fisch in Mayonaise oder Sahne, panierter oder geräucherter Fisch, Makrele, Hering, Aal
  • Bockwurst, Blutwurst, Bratwurst, Fleischkäse, Leberkäse, Leberwurst, Mettwurst, Mortadella, Salami, Schinkenspeck, Weißwurst, frittiertes Fleisch, Bauchspecck, Nackenfleisch, Eisbein
  • fette Eierspeisen
  • Creme fraiche, Mascarpone, vollfette Milch – und Joghurt, Sahne, Sahnequark, Schmand, Kakaozubereitungen, Pudding, Milchreis, Käse ab 45% F.i.T.
  • scharfe Gewürze
  • Snacks mit Fett, Zucker oder scharfen Gewürzen, fettige und sehr süße Backwaren
  • gesalzene Nüsse und Samen

davon solltet ihr mehr in euren Speiseplan aufnehmen:

  • Kartoffeln, Vollkornreis
  • Äpfel, Aprikose, Banane, Birne, Erdbeeren, Mango, Papaja, Pflaume Pfirsisch, Wassermelone, Weintrauben
  • Aubergine, Artischocken, Blumenkohl und Brokkoli, Fenchel, Gurke, >Bohnen, Erbsen, Linsen (am besten püriert)<
  • Kürbis, Kohlrabi, Möhren, Rote Beete, Spargel, Spinat, Zucchini
  • Leinöl, Rapsöl, Wallnussöl
  • Forelle, Kabeljau, Karpfen, Scholle, Seezunge Garnelen und Krabben
  • Kochschinken, Putenbrustaufschnitt,
  • Hühnerfleisch, Putenfleisch, Rinderfilet, Schweinefilet
  • magere Milchprodukte wie Buttermilch, Frischkäse, Feta und Harzer
  • gefriergetrocknete Frische Kräuter
  • Nüsse und Samen nach individueller Verträglichkeit
  • stilles Wasser, ungesüßte Kräutertees

    Generell gilt:

  • kleine Mahlzeiten entlasten den Magen
  • langsam essen
  • keine zu späten Mahlzeiten
  • Oberkörper nachts höher lagern >> mindestens einen Winkel von 30 Grad Erhöhung für den gesamten Oberkörper!
  • Verdauungsspaziergang, wenn möglich, gemäßigter Sport, regelmäßig, aber nicht in Extreme verfallen!

Fazit

Stiller Reflux wird oft ineffektiv behandelt und er ist eine sehr komplexe Erkrankung.  Die Erkrankung hat Symptome, die vielen anderen Erkrankungen ebenfalls zu zuordnen sind. Typisch ist es ,wenn stiller Reflux mit allergischen Erkrankungen verwechselt wird, denn auch hier entstehen Entzündungen in den Atemwegen. Bei der Behandlung geht es zum Einen darum, den Reflux zu unterbinden, zum Anderen aber darum, das die Pepsine, die durch den Reflux in die Speiseröhre und die Atmungsorgane gelangen, möglichst wenig Schaden anrichten. Dafür ist die oben beschriebene säurearme Ernährung ein wichtiger Baustein und die Gabe von PPI’s bei stillem Reflux ist umstritten. Studien weisen nach, das diese Medikamente nicht besser als Placebo wirken. Ihr solltet also auf die Ernährungsumstellung setzen. Auch die Beeinflussung der Tätigkeit des unteren Speiseröhrenschließmuskels kann bei stillem Reflux möglicherweise helfen. Näheres dazu findet ihr in unserem neuen Artikel über Probleme mit dem Speiseröhrenschließmuskel.

Der untere Speiseröhrenschließmuskel: Wenn er schlapp macht!

Ein schwacher unterer Speiseröhrenschließmuskel ist eine der häufigsten Ursachen von Sodbrennen und saurem Aufstossen.

Quellen:
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2503658/

 Johnston N, Dettmar PW, Bishwokarma B, Lively MO, Koufman JA. Activity/stability of human pepsin: implications for reflux attributed laryngeal disease. Laryngoscope. 2007;117(6):1036-9.

 Johnston N, Dettmar PW, Bishwokarma B, Lively MO, Koufman JA. Activity/stability of human pepsin: implications for reflux attributed laryngeal disease. Laryngoscope. 2007;117(6):1036-9.

Koufman JA. Low-acid diet for recalcitrant laryngopharyngeal reflux: therapeutic benefits and their implications. Ann Otol Rhinol Laryngol. 2011;120(5):281-7.

McSwiney BA, Spurrell WR. The effect of fat on gastric motility. J Physiol. 1935;84(1):41–49.

Koufman JA, Huang S., et al. Dr. Koufman’s Acid Reflux Diet: With 111 All New Recipes Including Vegan & Gluten-Free: The Never-need-to-diet-again Diet. Katalitix. 2015.

Koufman JA, Jordan S, Bauer MM. Dropping Acid: The Reflux Diet Cookbook & Cure. Reflux Cookbooks; 1st ed. 2010.

3 Gedanken zu „Stiller Reflux ? Ein neues Krankheitsbild?“

  1. Guten Tag.
    Ich leide leider schon seh lange an stillem Reflux. Diese Krankheit frisst mich auf. Die Ernährung habe ich schon sehr lange umgestellt. Ich wiege nur noch 44 kg, 172 cm.
    Ich weiß einfach nicht weiter.
    Können sie mir helfen?
    Vielen Dank.
    MFG
    Gundula Saar

    1. Liebe Gundula Saar,
      als Betroffene von stillem Reflux weiß ich nur zu genau, wie quälend und kräftezehrend es sein kann, wenn man nicht den richtigen Gastroenterologen findet. Leider ist das Krankheitsbild noch nicht in all zu vielen gastroenterologischen Praxen angekommen. Haben Sie denn eine definitive Diagnose oder nur die übliche Sammlung von “das kann es also auch nicht sein”? Ihr offensichtliches Untergewicht würde ich zeitnah vielleicht zunächst beim Hausarzt abklären lassen und auch die Beschwerden, die sie haben. Vielleicht hilft ihnen auch, so schwer es fällt sich in Geduld zu üben, mit der Ernährungsumstellung! Bei mir hat es fast 14 Monate gedauert, bis sich längerfristige Erfolge zeigten. Aber da ich weder ihre genaue Diagnose kenne, noch ihre gesundheitliche Vorgeschichte kann und darf ich hier nur zur zeitnahen Abklärung durch einen Allgemeinmediziner, einen Gastroenterologen oder auch einen HNO-Arzt raten!
      Versuchen Sie unbedingt einen modern ausgebildeten Gastroenterologen zu finden, der das Krankheitsbild kennt und Sie auch kompetent berät!
      Viel Kraft und Zuversicht,
      Andrea Kuhl

    2. Katrin Bernhard

      Liebe Gundula,auch ich bin betroffen.Mir hilft das sofortige Spülen mit Natronwasser.Ab und zu trinke ich auch einen Schluck.Die Einnahme von den Heilpilzen Hericium und Reishi baut die Schleimhäute wieder auf. Ich wünsche Dir gute Besserung. LG Katrin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.